Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Englisches Judentum
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 230 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Rudolf Stahl Deutsch in die Ohren schreien, mit dem die Verkäufer und Verkäuferinnen ihre Waren anpreisen. In Kleidung und Sitten sind sie ihrer Tradition treu geblieben. So sieht man dort viele Charakterköpfe und alttestamentarische Gestalten; Männer im langen Kaftan und Frauen, die den Scheitel tragen. Die älteren Leute sprechen ebenso gut jiddisch und deutsch wie englisch. Die Jugend aber, die in den jüdischen Freischulen in Withechapel erzogen ist, versteht und spricht fast ausschließlich englisch. Sie ist auch in Kleidung und Haltung ganz „europäisch". Das Londoner Judenviertel hat seinen besten Niederschlag gefunden in den Romanen des kürzlich verstorbenen Israel Zangwill, der selbst aus einer Familie polnischer Einwanderer stammt und in London aufgewachsen ist. Er sagt in der Vorrede zu seinem Roman „Kinder des Ghetto, Bilder aus dem Leben eines eigenartigen Volkes" einige Worte, die das Milieu des Londoner Ostends vorzüglich wiedergeben: „Unser Londoner Ghetto ist ein poetischer Winkel, in dem, trotz des ihn umgebenden Schmutzes, die duftenden Rosen der entschwindenden Romantik noch heute in der feuchten Luft des Londoner praktischen Lebens blühen. Hinter der häßlichen und gleichsam versteinerten Hülle dieser Sonderwelt verbirgt sich eine andere, innere Welt voller phantastischer Visionen, wie die Traumgesichte des Orients.....Aber in dieser verzauberten Welt begegnen uns auch energische Persönlichkeiten, die sich entschließen, die Grenze zu überschreiten, die sie vom breiteren, vollen Leben trennt, trotz der Zornesworte und Verwünschungen, die ihnen von der immer kleiner werdenden Masse ihrer Brüder nachgerufen werden. Zum Besten oder zum Schaden der beiden Seiten — das Ghetto wird doch schließlich verlassen werden und sich in eine Stätte kümmerlicher Armut verwandeln." Was hat diese unermeßliche Menge von Juden hier in diese Viertel der großstädtischen Armut, in diese kleinen schmutzigen Straßen und Häuser zusammengepfercht? Bis zum Jahre 1880 gab es in diesem Ausmaß ein solches Bild in London noch nicht. Aber in den letzten zwei Jahrzehnten des ausgehenden Jahrhunderts strömten Jahr für Jahr und Tag für Tag neue Massen aus dem zaristischen Rußland heraus, flüchtend vor den Pogromen und Gewalttaten einer unerbittlichen Dynastie, und fanden hier Unterschlupf. So hat sich die jüdische Bevölkerung von London in jenen 20 Jahren vervierfacht, und noch heute wohnen etwa 750/0 der Londoner Juden im Ostend. Hier ist auch die Geburtsstätte mancher vornehmen Judenfamilie. Man hat in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts den Strom der russischen Einwanderung eingeschränkt, indem man Kriminellen und Armen den Zuzug verwehrte; doch durften sie einwandern, wenn sie durch religiöse oder politische Verfolgungen zur Auswanderung gezwungen worden waren — praktisch der weitaus größte Teil aller Einwanderer. Die hier zum Ausdruck kommende Gesinnung dokumentiert sich auch in der loyalen Behandlung des jüdischen Ostviertels auf dem Gebiet der Gesetzgebung und Verwaltung. So ist den dortigen Geschäften gestattet, am Samstag zu schließen und am Sonnlagvormittag die Läden zu öffnen und den Straßenmarkt abzuhalten. Dieses Entgegenkommen entspringt denselben religiösen Motiven, die auch der 230