Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Englisches Judentum
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 231 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Englisches Judentum strengen Durchführung des englischen Sonntags zugrunde liegen. In diesen Stadtteilen herrscht ein namenloses Elend. Hiervon gibt Karl Marx eine Schilderung in seinem „Kapital". Hier im Ostend vollzog sich die maßlose Ausbeutung der kleinen Arbeiter, der Schneider, Schreiner und Tischler im vierzehnstündigen Arbeitstag, dem sogenannten „Schwitzsystem". Manches ist seit der Zeit von Marx anders geworden, aber vieles bleibt noch zu bessern. Das Londoner Westend hat mit dieser Welt fast nur organisatorische und finanzielle Verbindungen; das Westend unterstützt das Ostend mit Geld — aber auch mit Sympathien. Große jüdische Armenorganisationen und Armenämter leisten hier Vorbildliches. Nur so ist es möglich, im Ostend jüdische Freischulen zu unterhalten, in denen Tausende von Kindern unentgeltlich unterrichtet, gespeist und gekleidet werden. Nur so ist die Einrichtung von jüdischen Volksbibliotheken, Lesehallen und Theatern möglich, nur so schließlich die Führung der großen jüdischen Wochenzeitungen, deren einige auch in jiddischer Sprache und hebräischen Lettern gedruckt werden, und die an jedem Freitagnachmittag ihre großen Reklameplakate in den Läden aushängen lassen. Reiseeindrücke, wie die vorstehenden, können nur sinnfällige Erscheinungen festhalten. Die dahinter verborgene Frage, ob das englische Judentum eine wertvolle Komponente im Gesamtbild des Judentums darstellt, kann daher nur gestellt, nicht aber beantwortet werden. Samuel Gompers Von Julius Goldstein Eine arme holländische Judenfamilie mit Namen Gompers siedelt in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts von Amsterdam nach Whitechapel über. Der Vater, ein Zigarrenarbeiter, hat mit seinen sechs Kindern einen schweren Lebenskampf. Er will seinem Sohn Samuel ein besseres Los zuteil werden lassen und schickt ihn nach mehrjährigem Besuch einer jüdischen Schule als Lehrling zu einem Schuhmacher. Dem Sohn gefällt es aber dort nicht. Er entscheidet sich, auch Zigarrenarbeiter zu werden. Die Lebensverhältnisse der Familie werden immer schwieriger — man entschließt sich, nach Amerika auszuwandern. Am 2 g. Juli i863 erreicht das Segelschiff nach einer Fahrt von über sieben Wochen New York. Als armer jüdischer Zigarrenarbeiter betritt Sam Gompers den Boden Amerikas — sechzig Jahre später trauern Millionen von Menschen um seinen Tod; die Würdenträger des Staates geben ihm das Ehrengeleit. Als Rabbiner Stephen Wise an seinem Grabe die Abschiedsworte spricht, geht die amerikanische Flagge auf Halbmast. Die Ehrung gilt dem Schöpfer der American Federation of Labour, dem Organisator der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung. Gompers hat sein reich bewegtes Leben als Siebzigjähriger selbst geschildert. In 23t