Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Englisches Judentum
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 229 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Englisches Judentum an die Kinder kleine Aufsätze, die von ihnen beantwortet und durch schriftliche Rückfragen ergänzt werden — eine Einrichtung, die wohl auch für die jüdischen Landgemeinden Deutschlands in irgend einer Form nutzbar gemacht werden könnte. Im Gesamtbild des englischen Judentums nimmt jedoch der liberale Teil nur einen ganz geringen Raum ein. Von den etwa 60 Londoner Synagogen sind nur 2—3 zu den liberalen zu zählen. Die weitaus größte Zahl, etwa /Jo, gehören zu dem Verband der „United Synagogue", d. h. fast durchweg zur Orthodoxie. Die etwa 20 kleineren Synagogen verteilen sich auf die Liberalen, auf die Sephardim, Polen und Russen. Schon aus diesen Zahlen ersieht man, welche Bedeutung dem orthodoxen Judentum in England zukommt. Man gewinnt den Eindruck, daß dieses konservative Land auch die konservative Richtung im Judentum begünstigt. Sie gleicht der gemäßigten deutschen Orthodoxie. Deshalb erübrigt es sich, sie ausführlicher zu schildern. — Die „United Synagogue" untersteht dem „Chief Rabbi" — einem repräsentativen Organ der englischen Judenheit —, der bei allen offiziellen Gelegenheiten, wie bei Hof, bei Kongressen, in Zeitschriften und Predigten hervortritt. Bei Betrachtung der innerjüdiscnen politischen Gruppen treffen wir auch in England auf die Frage des Zionismus. Auch hier sehen die Dinge anders aus als in Deutschland. Die zionistische Bewegung hat in England hauptsächlich seit dem Krieg, und zwar vor allem seit der Balfour-Deklaration Verbreitung gefunden. London ist der Sitz des zionistischen Aktionskomitees, das in der Nähe des britischen Museums ein großes Gebäude zur Unterbringung seiner Geschäftsräume gemietet hat. Heute ist der Zionismus ein Bestandteil der britischen Nationalpolitik, und es ist nicht schwer, in England Zionist zu sein, da man dabei auch leicht ein guter Engländer sein kann. Aber gerade die Staatstreue wird den englischen Zionisten von einem großen Teil der englischen Juden bestritten. Der Wortführer dieser Zionistenfeinde ist Claude Montefiore, der Vertreter der liberalen Juden. Dies ist kein Zufall. Denn die englischen Liberalen betrachten, wie die deutschen, das Judentum nicht wie der Zionismus als Nation, sondern als Religion. Schließlich sei noch auf die nationalen Schichtungen im englischen Judentum hingewiesen, die hier viel augenfälliger sind als z. B. in Deutschland. Ein Gegensatz besteht in England zwischen den Juden spanischer und denen deutsch-polnischer Herkunft, also zwischen Sephardim und Aschkenasim. Wer sich ein Bild von der geschlossenen Siedlung russischer Juden machen will, braucht nur das Londoner Ostend zu besuchen, die bekannten Stadtviertel vonWhitechapel, Steppney und Hackney. Mitten in dem belebtesten und geschäftigsten Teil von London, der „City", beginnt zwischen elektrischen Straßenbahnen, Omnibuswagen und Untergrundbahnhöfen das getreue Abbild eines polnischen Dorfes im jüdischen Ansiedlungsrayon Rußlands, eine große Judenstadt mit einheitlichem jüdischem Typ. Lange Straßen mit fliegenden Händlern, Karren neben Karren, auf denen Nahrungsmittel und Kleidungsstücke, Streichhölzer und Fische, Pelze und Kinderspielzeug, kurzum alle erdenklichen Waren zum Verkauf ausliegen. Eine dichtgedrängte Menschenmenge schiebt sich zwischen den Karren durch und läßt sich das Gemisch von Englisch, Jiddisch und 229