Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Englisches Judentum
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Kudolf Stahl meinen Bedeutung Londons innerhalb englischen Lebens. Zum Vergleich sei auf die etwaz5oooo Juden in Berlin hingewiesen, die nur ungefähr die Hälfte der deutschen Judenheit ausmachen. Das Wesen der englischen Juden ist weitgehend bestimmt durch den Charakter der englischen Gesellschaft. Denn der englische Jude hat, wie der Engländer überhaupt, ein starkes Gemeinschafts- und Staatsbürgerbewußtsein. Dieses ist aristokratisch und religiös. Besonders mit dem Alten Testament ist der Engländer von Kindheit an vertraut. Bezeichnend fand ich, daß bei Führungen durch die ägyptische Abteilung des Britischen Museums der Lektor zur Erklärung der semitischen Kulturdenkmäler die bezüglichen Stellen aus dem zweiten Buch Moses vorlas. Dank dieser religiösen Haltung der englischen Gesellschaft ist es möglich, daß der englische Jude in der englischen Gesellschaft auch in hoher sozialer Stellung seine Religiosität beibehalten kann, während diese in Deutschland in solchen Fällen meist aufgegeben wird. Ich erinnere an Gestalten wie den früheren Gouverneur von Palästina, Sir Herbert Samuel oder Claude Montefiore. Und unter diesem Gesichtspunkt ist auch ein Vergleich zwischen Lord Reading und Walter Rathenau nicht uninteressant. So leben die Juden unangefochten; in ihrem Glauben, freilich auch ohne die auffrischende Bewegung inner jüdischer Kämpfe. Die religiösen Gruppen sind hier völlig verschieden von denen in Deutschland. In der Freiheit, die der englische Staatsbürger genießt, kann er seine besondere Eigenart nach Belieben formen und ausbilden. So konnten die Gruppen der Orthodoxie und des Liberalismus ihre eigene Prägung gewinnen, hierdurch entstanden aber auch die Gegensätze zwischen beiden, die mir bedeutend stärker zu sein scheinen, als in Deutschland, was wohl durch die besondere Prägung des englischen Liberalismus bedingt ist. Der englische Liberalismus hat an Radikalismus bei weitem sein deutsches Vorbild übertroffen und alle Reformen durchgeführt, die in Deutschland nur von dem extremsten Flügel der Liberalen, von der Berliner Reformgemeinde, eingeführt worden sind. Die Londoner liberalen Juden sind in der 1902 von Claude Montefiore und Miss Montagu gegründeten „Jewish Religious Union" zusammengefaßt. Seit einigen Jahren besteht auch eine neue liberale Synagoge, in schlichtester puritanischer Form, ohne Farben oder sonstigen Schmuck. Der Hauptgottesdienst ist auf Samstagnachmittag gelegt, während am Vormittag ein Jugendgottesdienst stattfindet. Nur noch wenige Haupt- Gebete (z. B. das Schema und das Kaddisch) werden hebräisch gesprochen, der übrige Gottesdienst ist fast ganz englisch. Die Frauen sitzen mit den Männern zusammen, letztere meist ohne Kopfbedeckung. Der Gottesdienst ist von Orgel und Chor begleitet recht feierlich. Neben vielen Nüchternheiten hat er mitunter Stimmungen von besonderer Andacht. Ob hier aber nicht alte jüdische Werte einem allgemeinen religiösen Gefühl geopfert werden, das bleibt die ernste Frage, die man an diese Form der Religionsübung zu stellen hat. Das liberale Judentum ist sehr rührig in London und auch in den Provinzen. Es treibt viel soziales Hilfs- und Bildungswerk, besonders in Whitechapel. Die Londoner Gemeinde gibt eine kleine Zeitschrift heraus. Sie verschickt aufs Land, wo keine Religionslehrer sind, regelmäßig 228