Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Emil Ludwigs "Bismarck"-Buch [Rezension]
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 221 (sequence 6)
- Language
- German
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Emil Ludwigs „Bismarck"-Buch dumme Dynasten von ihrer Gottähnlichkeit überzeugt sind. Malt Emil Ludwig auch vielfach grau in grau — das ist doch sicher: er liebt seinen Helden Bismarck auch dort, wo er ihn richten sollte. Es ist doch eine bedenkliche Nietzsche-Phrase, die Skrupellosigkeit des Helden mit Genialität zu entschuldigen. Niemand weiß es so gut, wie Ludwig, daß Bismarck Niemanden liebte, daß er positiv weder ein Christ, noch Legitimist, noch Royalist, noch. Monarchist, oder auch nur ein deutscher Patriot im enthusiastischen Sinne des Wortes war. Von rein menschlichen Gefühlen lebt in ihm nur die Liebe zu Frau und Kindern. Im übrigen ist er Hasser, Menschenverachter, Heide. Selbst Bismarcks Kinderliebe erleidet durch seinen hemmungslosen Egoismus eine Korrektur, durch die Bismarcks rein menschliche Größe ein für allemal verneint wird. Es handelt sich um die Liebe seines Sohnes Herbert zu der Fürstin Carolath, die sich Herberts wegen scheiden lassen will; es ist die große Leidenschaft des Bismarcksohnes. Aber der Vater ist dagegen. Nicht nur etwa, weil er in den Augen der verehelichten Carolath die pupillarische Sicherheit der tugendhaften Frau vermißt, oder weil es ein Ehe- Skandal geben könnte, nein, weil die Carolaths, Loes, Hatzfelds mit adligem Anhang von je seine Feinde waren. Weil es ihm unerträglich wäre, diese seine persönlichen Feinde in der Familie zu haben, muß die Heirat unterbleiben. Wiederum droht der Fürst mit Selbstmord und das alles nur, weil er mit seinen Gegnern, die, wie er glaubt, gegen ihn intrigieren, eben diesen Hatzfelds, Carolaths, Loes, nicht verschwägert sein will! Das ist doch furchtbar. Bismarck verlangt von seinem Sohne das Opfer seines Lebensglücks, damit seinem allerpersönlichsten Egoismus Genüge wird. Ein solcher Mann kann auf moralische Größe keinen Anspruch erheben. Der Charakter macht doch die Größe, nicht das Talent; das wirkliche Genie hat auch immer sittliche Größe; ohne Ethos keine Logik, keine Staatskunst, die Dauerndes schafft. Man braucht nicht der Meinung Schopenhauers zu sein, daß Genie nur beim Künstler und beim Denker ist; aber das ist gewiß, daß fruchtbare Wirkungen, sei es in der Kunst, sei es in der Politik, nur von einem Genie ausgehen können, in dem sich das ethisch-schöpferische mit dem geistigschöpferischen verbindet. Diesen Gedanken hätte Emil Ludwig schärfer herausstellen müssen. Und das wäre doch ein leichtes gewesen. Wo ist denn das Werk Bismarcks? Man braucht keine tüftelnde Kasuistik zu üben, um festzustellen, daß der uns zerschmetternde Weltkrieg mit der sittlich falsch eingestellten Politik von 1866 begann. Daß Bismarck in der inneren Politik falsch kalkulierte, darf heute als Axiom gelten. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Wohl bleibt Bismarck der Ruhm, eine säkulare Erscheinung zu sein, aber nicht alle Säkularmenschen sind Baumeister des menschlichen Fortschritts. Das endgültige Buch über Bismarck wird noch geschrieben werden müssen. Auf dem Weg zu ihm ist das Ludwigsche eine bedeutsame Etappe: bedeutsam durch die großartige geistige Beherrschung des Materials, das ein Stilist ersten Rangs gesichtet hat. Wenn Emil Ludwig in zehn Jahren eine neue Auflage erscheinen läßt, hat sich die geistig-politische Situation Europas geklärt. Wir wissen dann wahrscheinlich, daß Eroberungspolitik, Prestigepolitik, 221