Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Emil Ludwigs "Bismarck"-Buch [Rezension]
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 220 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895470-2897818--01935-2897946- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Adam Röder überhebung. Ob er sich mit Vincke duelliert, die Parlamentarier in Landtag und Reichstag brüskiert — immer ist es diese neurasthenische Gereiztheit, die das Auftreten Bismarcks begleitet. Und wenn wir später erfahren, wie seine Menschenverachtung zunimmt, seine Tierliebe aber groteske Formen treibt, so wissen wir, daß hier Unstimmigkeiten der Psyche vorliegen, bedingt durch ein alteriertes Sorna, vererbt von den Vorfahren, die Potatoren waren. Nach gutem Essen und noch besserem Trinken wird er gemütlich, behaglich — der bekannte euphorische Zustand des Neurasthenikers. Dann kommen Zustände der Schwermut, der Traurigkeit, der Selbstanklagen. So ist es schon zu verstehen, wenn Hohenlohe einmal notiert: „er macht mir den Eindruck eines geistig nicht ganz gesunden Mannes". Hohenlohe verwechselt hier geistige Ungesundheit mit Neurasthenie. Diese gipfelt in Funktionsstörungen, ohne daß das geistige Zentrum dabei beteiligt wäre. Denn es gibt Neurastheniker, die ihre Krankheit behalten von der Wiege bis zur Bahre und doch Eminentes leisten. Bismarck ist ein Beispiel dafür. Sobald er in der Arbeit steht — also abgelenkt wird — stoßen Intelligenz und Willenskraft mit Vehemenz durch; wenn er vor dem Schachbrett der Außenpolitik steht und den Gegner mattsetzen will, dann fluoresziert dies mächtige Gehirn und alle Krankheit ist verschwunden. So geht es von 18^7 bis zum Abschied vom Kanzleramt — immer Krieg, immer Revolte, immer Widerspruch, immer Bluff, immer Gewalt, immer Trotz, Stolz, Eigenmächtigkeit, immer Haß und Rache aber auch immer überlegenes Fechten mit dem Gegner. Das alles zeigt uns Emil Ludwig. Er zeigt uns aber noch mehr: den ununterbrochenen Kampf dieses Mannes mit allen Gewalten und Personen, die ihm in irgend einer Form widerstrebten: mit dem alten Kaiser, mit dessen Frau Augusta, mit dem Kronprinzen und seiner Frau, mit den Ministern, den Generälen, den deutschen Fürsten, den Prinzen, mit seinen adligen Standesgenossen und seinen nächsten Verwandten. Während die „Untertanen" da draußen glauben, daß Kaiser, Reich, Bismarck und die Paladine ein Herz und eine Seele sind und das einige deutsche Reich wie ein Phönix aus der Asche steigt, dem alle Potenten des Vaterlandes mit dem Ruf: seid umschlungen Millionen, zujubeln, herrscht in den Schlössern, in den Ministerien, in den Büros ein wüster, wilder Kampf der Interessen und dynastischen Egoismen, gönnt keiner dem Anderen das Weiße im Auge, sind alle diese Drahtzieher der Politik dabei, einander zu überrumpeln, zu übervorteilen, zu betrügen, zu stürzen. Dem wahnsinnigen Bayernkönig muß die Zustimmung zum Reich abgelistet werden, während Kronprinz Friedrich Wilhelm die deutschen Fürsten einfach depossedieren will, wenn sie das Kaiserreich nicht wollen. Oder: Bismarck droht mit Selbstmord, wenn Kaiser Wilhelm nicht seinen Plan aufgibt, nach 1866 Sachsen zu annektieren und in Wien mit Trompetenschall einzuziehen! Wenn Oxenstierna an seinen Sohn schrieb: „0, du glaubst nicht, mit wile wenig Verstand die Welt regiert wird", so hätte er hinzufügen können: wie hohl, verlogen, egoistisch es dort zugeht, wo „die heiligsten Güter der Nation" gewahrt werden sollen —, wo Fragen der Etikette, Rangstreitigkeiten die Bedeutung wichtigster Staatsaktionen haben und dumpf- 220