Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 222

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Emil Ludwigs "Bismarck"-Buch [Rezension]
Date
1927-06-01
Page
222 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895470-2897818--01937-2897948
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Adam Röder: Emil Ludwigs „Bismarck"-Buch Schwertglaube, Moral mit doppeltem Boden, Rassendünkel und politische Expansionslust auch dann, wenn sie genial betrieben werden, rudimentäre Gebilde geistig-seelischer "Verkrüppelung sind. Dann wird auch diesem Autor nicht gewöhnlicher geistiger Art die Erkenntnis aufgegangen sein, daß Genialität ohne ethische Imprägnierung nur eine untere Sprosse auf der Leiter sublimer Menschlichkeit bedeutet; er wird dann wissen, daß auch der Name eines Bismarck nur in jenem Pantheon der Geschichte weiter leben wird, das die dumpfe Welt seit Jahrtausenden den triebhaften Instinkten des Irrationalen errichtet hat. Im Tempel des Nachruhms, den im Sittlichen verwurzelte Geistigkeit erbaut, wird Bismarcks Name nicht zu finden sein. Die Geschichte einer Bekehrung Von Julius Goldstein In den ersten Märztagen dieses Jahres nahm ich Sonntags an einem Gottesdienst der jüdischen liberalen Gemeinde in Paris teil. Die Predigt hielt ein schlank gewachsener, dunkelblonder Mann mit feingeschnittenem Gesicht. Er sprach über ein Buch von Edmond Fleg, „L'Enfant prophete". Es war das Thema des jüdischen Kindes, das in einem dem Judentum entfremdeten Hause aufwächst und nach schmerzvollen Erfahrungen zum Bewußtsein seines Judentums und seiner religiösen Bestimmung erwacht. Die Predigt fesselte, der Mensch noch mehr. Die schlichte eindringliche Art, die dogmatische Unbefangenheit, die persönliche Ergriffenheit, mit der das Thema behandelt wurde, die von aller Kanzelroutine freie Sprache, all das machte mich begierig, näheres über die Persönlichkeit des Redners zu erfahren. Der Rabbiner Louis- Germain Levy gab mir liebenswürdig Auskunft: Der Redner, Aime Pailliere, sei eia zum Judentum übergetretener Katholik, der alle vierzehn Tage das Amt des Predigers ausübe, und der in Frankreich und den französischen Kolonien vielfach Predigten und Vorträge halte. Dr. Levy riet mir, für weitere Einzelheiten eine Schrift zu lesen, die Pailliere vor Jahresfrist herausgegeben hat. Sie führt den Titel: „Le Sanctuaire inconnu, Ma ,Conversion' au Judalsme". (F. Rieder & Co., Editeur, Paris 1926.) Ich habe dieses Buch nunmehr gelesen. Ein Menschenschicksal hat sich mir erschlossen, dem man in unsern Tagen selten begegnet. Die Religionsstatistik weist zwar jedes Jahr eine Reihe von Übertritten zum Judentum auf. Die Motive dieses Übertritts gibt die Statistik nicht an; sie sind aber meistens durch außerreligiöse Umstände bestimmt. Da das Judentum, ungleich dem Christentum, seit Jahrtausenden keine aktive Mission mehr treibt, da es ferner an die herrschende Staatsreligion häufig seine Besten verliert, so hat der Fall, daß ein gläubiger Katholik, der sich berufen fühlt, Priester zu werden, vom Judentum innerlich ergriffen wird und 222

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.