Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 219

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Emil Ludwigs "Bismarck"-Buch [Rezension]
Date
1927-06-01
Page
219 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895470-2897818--01934-2897945
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Emil Ludwigs „Bismarck"-ßucl» mat. Als solcher erscheint Otto von Bismarck in der Weltgeschichte. Aber als Staatsmann eilt er doch von Niederlage zu Niederlage. Nicht nur der alte Kaiser, selbst Wilhelm II. waren in der inneren Politik die größeren Psychologen. Bismarck sah die innere deutsche Welt immer noch unterm Gesichtspunkt von i864. 1866, 1870/71. In der inneren Politik — auf die es ankommt, denn nur mit einer guten inneren Politik kann man eine gute äußere machen — hatte Bismarck nicht über jene konstanten Größen zu verfügen, die er in der äußeren zu einem raffinierten Spiel der Kräfte verwenden konnte. Das Neue, das sich gebar, Demokratie und Sozialreform, hat Bismarck nicht erkannt. Das ist doch der schärfste Vorwurf, den man gegen einen Staatsmann erheben kann. Alles hat er verkannt: die katholische Kirche, das neue Bürgertum und die Arbeiterbewegung; verkannt hat er die moralischen und religiösen Mächte, die immer für jedes Yolk das eigentliche Agens seiner Entwicklung sein werden. Das Reich ist eigentlich gegen seinen Willen gegründet worden; er fand die Tendenz zur Reichsentwicklung vor und hat sie mit seiner diplomatischen Meisterschaft in seine leitende Idee: Preußen groß zu machen, eingebaut. Bismarck hat Deutschland borussifiziert, also das fertig gebracht, was seit dem Großen Kurfürsten und Friedrich II. den Eroberern als Preußens Mission vorgeschwebt hat. Heute sind wir dabei, ein wesentliches Stück Bismarckscher Staatskunst zu restituieren: die mit dem Bruderkrieg von 1866 hinausgeworfenen Österreicher wieder in Deutschland aufzunehmen. Es ist erstaunlich, wenn wir heute die Nationalisten noch immer Tränen der Wehmut vergießen sehen über die Revolution von 1918. Daß es diesen Herren nicht einfällt, die Wurzel der Vorgänge in der Bismarckschen Politik zu suchen? Wer drei legitime Herrscher absetzt — Fürsten „von Gottesgnaden" — also die Revolution von Oben für zulässig erklärt —, wie darf sich der darüber wundern, wenn die Revolution von Unten mit dem nämlichen Instrument sich Gestaltung erzwingt? Solche Gedankengänge sind nun dem Ludwigschen Buch nicht verhaftet. Ludwig ist in seiner ganzen Argumentation doch preußisch und steht nicht weit von Treitschke. Aber trotzdem darf sein Werk als eine wesentliche Bereicherung der Bismarck-Literatur angesehen werden. Vor allem ist wertvoll — und glänzend geschrieben — die Schilderung von Bismarcks Jugend. Es ist ein farbenglühendes Bild, das der Autor hier entwirft. Wir sehen den „tollen Junker" in all seinen Kapriolen, die aber, ganz unbefangen geprüft, nicht als Ausfluß jugendlichen Übermuts angesehen werden können, vielmehr einen durchaus pathologischen Charakter tragen. Dieser macht sich auch späterhin in der Übertreibung und Überhitzung all derjenigen Anschauungen bemerkbar, in denen gesellschaftliche Vorurteile in ihrer Wirkung nach außen absichtlich stilisiert werden. Das ist nicht mehr Stolz, Mut, Trotz, Überschwang, junkerliches Selbstbewußtsein — das sind Emotionen, die nicht diszipliniert werden — wie beim normalen Menschen —, sondern durch ihren pathologischen Charakter nicht mehr eingedämmt werden können. Arbeitet doch auch der werdende und sich entwickelnde Bismarck immer im nämlichen Stil: Übertreibung, Rücksichtslosigkeit, Stolz, Ehrsucht, Trotz, Egoismus, verstiegene Selbst- 219

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.