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Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 218

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Emil Ludwigs "Bismarck"-Buch [Rezension]
Date
1927-06-01
Page
218 (sequence 3)
Language
German
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Adam Röder Kopf sonst die wichtigsten Dinge in einem Tischgespräch aufgefangen und rasch verarbeitet hätte. Die Indolenz seiner Familie vereinigte sich seinem Willen zur Bequemlichkeit, und wenn die immer überreizten Nerven des Diktators ausspannen wollten, so mußte der deutsche Geist die Kosten tragen." Und mit vollem Recht führt Ludwig Fontane an, der nach den Wahlen von 1881 schrieb: „Gegen Bismarck braut sich allmählich im Volk ein Wetter zusammen, in der Oberschicht ist es lange da. Nicht seine Maßregem sind es, die ihn geradezu ruinieren, sondern seine Verdächtigungen. Er ist ein großes Genie, aber ein kleiner Mann.' i8g3: „Man muß immer wieder das Riesengroße zurückrufen, was er genial zusammengehobelt hat, um von diesen krassesten Widersprüchen nicht abgestoßen zu werden. Er ist die denkbar interessanteste Figur, ich kenne keine interessantere; aber dieser beständige Hang, die Menschen zu betrügen, ist mir eigentlich widerwärtig. Dem Zweck schließlich alles unterzuordnen, ist überhaupt ein furchtbarer Standpunkt." Auch Gustav Frey tag soll noch mit einem kurzen Ausspruch zitiert werden, gefallen ebenfalls nach den Wahlen von 1881: „Diese Wahlen sind für ihn, für unser Volk und das Ausland ein Symptom, daß die Herrschaft des Einen, welcher der Nation sein Bild und Gepräge aufgezwungen hat, nicht unbedingt ist und ihrem Ende naht. — Seine Künste haben viel von ihrer Wirkung verloren; man kennt jetzt ziemlich genau die Mischung von Löwe, Wolf und Fuchs, welche in der Seele dieses dramatischen Charakters vereint sind. Spät und langsam erkennen die Deutschen, daß der Mann, dem sie nach deutscher Art alles Große und Gute angedichtet haben, nicht alle Eigenschaften eines Biedermannes besitzt----Es wird Zeit, daß er zurückgetreten wird, aber er ist so groß und dick und klug." Ludwig weiß sehr wohl, was in diesem Mann steckt: eine ungeheure Vitalität und zweifellos der größte und genialste Diplomat der Weltgeschichte; er weiß auch, daß das Irrlichtelierende, das Sprunghafte, das Unbezähmbare in diesem Charakter und nicht zum wenigsten das künstlerisch Plastische des Gedankens in Wort und Schrift dem Psychologen immer wieder ein neues Feld der Bewunderung darbietet. Diese Erwägungen und Erkenntnisse sind es sicherlich, die den Künstler in Emil Ludwig reizen und befriedigen. Aber der geniale Diplomat ist nicht die künstlerische, nicht die politische, nicht die ethische Erfüllung des Menschen —, er ist noch lange nicht der schöpferische Staatsmann. Der Diplomat ist der Mann, der mit den festen Positionen und Faktoren der staatlichen Gemeinschaften rechnet; es sind wesentlich feststehende Größen: die Souveräne, die Heere, die Staatsmänner, die wirtschaftlichen Machtmittel der anderen Staaten; mit ihnen läßt sich Schach spielen, läßt sich politische Mathematik exekutieren; da lassen sich Läufer und Springer, Bauern und Könige plazieren und selbst die Königinnen können aus der Gefahrenzone in minder bedenkliche umgruppiert werden. Wer dieses Totale wenn auch unter sich widerstrebenden, aber doch festen und gegebenen Größen durch List, Schlauheit, Kühnheit, Mut und Trotz beherrscht und sich niemals verblüffen läßt — der ist ein großer Diplo- 218

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