Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Emil Ludwigs "Bismarck"-Buch [Rezension]
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 217 (sequence 2)
- Language
- German
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Adam Röder: Emil Ludwigs „Bismarck"-Buch „Wilhelm IL" nicht verzeihen können — was aber nicht daran hindert, dies Buch doch als eine Tat zu werten — werden nicht umhin können, mit sauer-süßer Miene zu vielem ja zu sagen; die anderen werden den Kopf schütteln und deponieren, daß der „Eiserne" viel zu gut weggekommen ist. Ein Beispiel für viele. In der Förster'sehen „Menschheit" fertigt ein Berichterstatter das Ludwigsche Werk kurz als einen hemmungslosen Panegyrikus auf Bismarck ab, während Graf Keyserling im i3. Heft seines" „Weg zur Vollendung" in der anmutigen Art der Darmstädter Weisheitsschule — approbierte Anstalt für die allein seligmachende Keyserlingsche Philosophie — kurz und bündig erklärt: „Nur ganz wenige Stellen sind mir begegnet, wo Ludwigs Verständnis gegenüber Bismarck nicht ganz versagt." „Jeder kann nur Niveaugleiches verstehen", sagt Keyserling weiter mit hochgezogenen Augenbrauen und weist dabei auf eines seiner Werke hin. In aller Bescheidenheit: das steht eigentlich schon im „Faust", allwo der Erdgeist sagt: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst". Das wird ewig wahr bleiben. Aber Graf Keyserling hätte doch etwas vorsichtiger sein müssen. Der Welt ist es nicht unbekannt, daß er eine Nichte Herbert Bismarcks zur Frau hat und daß er darum doch wohl etwas pro domo spricht. Diese Kritik Keyserlings kann Ludwig ruhig ad acta legen. Wer, wie Keyserling, dem Genius, oder Dämon, oder Instinkt der Persönlichkeit die alles entscheidende Souveränität zumißt und das Irrationale von jeder kontrollierenden Instanz freispricht, wird schließlich auch in den unflätigen Haß, mit dem Bismarck seine "Gegner verfolgte — tausend Beamte hat er während seiner Regierungszeit gemaßregelt —, und in dem ungeheuerlichen Zynismus, mit dem er sich stets und immer bei den Praktiken seiner genialen Diplomatie vor sich selbst salvierte, „Dank dem Niveau der Persönlichkeit einen besonderen Sinn" erkennen. Das ist ein billiger Nietzscheanismus, den wir uns allmählich an den Kinderschuhen abgetreten haben. Aber auch der Kritiker in der „Menschheit" tut Emil Ludwig Unrecht. Gewiß: auch für meinen persönlichen Geschmack und meine persönliche politische Erkenntnis stellt Ludwig den ersten Kanzler des Reichs auf ein zu hohes Niveau. Ludwig hat es offenbar nach seinem „Kaiser "- Buch nicht gewagt, den Heros des nationalistischen Spießbürgertums hüllenlos zu zeigen. Ludwig hat hier gewiß eine Konzession an die Tagesstimmung gemacht. Denn wer in diesem Buch näher hinschaut, findet Dutzende von Stellen und feinen Anmerkungen, die klar beweisen, daß der Historiker, der Künstler und der Psycholog in Ludwig die tönernen Füße des Kolosses wohl erkannte. Es soll nur eine charakteristische Stelle angeführt werden: „.___Denn wer 3o Jahre lang nichts Neues mehr liest, nur noch zuweilen Verse von Heine und Byron, Unland und Rückert, sich auch persönlich von allen nichtpolitischen Bewegungen seines Landes ausschließt, wird dieses auf die Dauer immer ungeistiger regieren, die Trennung von Staat und Geist in deutschen Landen erneuern, die drei großen Bewegungen Europas: Weltwirtschaft, Kirche, Sozialismus verkennen und ihnen durch Zölle zugunsten der Regierenden vergebens zu begegnen suchen. Der alte König sah und hörte in seiner Beschränktheit mehr von den Fragen der Zeit als Bismarck, dessen 217