Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Der Einfluß der Juden auf die "kalte" Sozialisierung
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 190 (sequence 3)
- Language
- German
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Dr. Kurt Zielenziger Betriebe in die Form rein kaufmännisch geleiteter Unternehmungen, ist eine neue Form des Sozialkapitalismus entstanden. Spielt auch hierbei jüdischer Einfluß eine maßgebende Rolle? Noch sind der Stimmen wenige, die die Juden als Urheber der kalten Sozialisierung ansehen, aber in der Anklage, das Judentum strebe nach der Weltherrschaft verbirgt sich zugleich die Furcht, die Juden könnten durch die Aushöhlung des privaten Unternehmertums die Wirtschaft des Staates und damit auch die des gesamten Volkes sich botmäßig machen. Nach dem Zusammenbruch von 1918 war die Sozialisierung das Schlagwort, das die Massen faszinierte. Sie glaubten, ihre langersehnten Hoffnungen erfüllt zu sehen und der Ausbeutung durch den Kapitalismus ledig zu sein, wenn durch die Sozialisierung die Lehren des Meisters Marx verwirklicht würden. Dabei kennen weder Karl Marx noch die anderen sozialistischen Schriftsteller den Begriff der „Sozialisierung". Sie sprechen nur von einer Vergesellschaftung der Produktionsmittel, in der sie das Endprodukt einer langen Entwicklungsreihe und damit die Venvirklichung des Sozialismus erblicken. In diesem Sinne forderte das Erfurter Programm „die Verwandlung des kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln — Grund und Boden, Gruben und Bergwerke, Rohstoffen, Werkzeugen, Maschinen, Verkehrsmitteln — in gesellschaftliches Eigentum". Wie jedoch diese Vergesellschaftung vor sich gehen sollte, darüber schwiegen sich Marx und seine Jünger aus. Die Revolution von 1918 hatte jedoch den Begriff verschoben: aus einer futurischen war eine imperativische Kategorie entstanden. Die Sozialisierung sollte sofort kommen, so lautete zunächst der stürmische Ruf der radikalen Elemente. Die Volksbeauftraglen beantworteten den Schrei der Masse mit dem Versprechen, die Soziaiisierung in Angriff zu nehmen. „Die Sozialisierung marschiert", heißt es in einem Flugblatt, das das Reichsministerium noch im März 1919 unter den aufgeregten Arbeitern verteilen läßt Mit Entsetzen verfolgten die Unternehmer diese Entwicklung, weil sie fürchteten, daß ihnen ihre Betriebe ohne Entschädigung fortgenommen würden. Schon die Vertiefung in diese Fragen förderte die verschiedensten Auslegungen zu Tage. „Die Sozialisierung verhält sich zum Sozialismus wie das Mittel zum Zweck, wie der Weg zum Ziel", erklärte August Müller, der damalige Staatssekretär des Reichswirtschaftsamts.1) In den Richtlinien für ein l) August Müller: Sozialisierung oder Sozialismus, Berlin 1919. 190