Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Albert Ballin
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 180 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Joseph Carlebach terials über diese interessante Epoche des deutschen Handels in seiner Verbindung mit dem technischen Fortschritt des Dampfschiffes und der wachsenden politischen Macht des deutschen Kaiserreiches. In dieser Fülle fesselnder Einzelheiten, auf diesem Hintergründe internationaler Beziehungen der Völker und erdumspannender Energie der Schiffahrt-Gesellschaften erhebt sich die Gestalt Albert Ballins, zu immer mächtigeren Dimensionen des Einflusses und des Wirkens emporwachsend. Da zeigt sich, daß Ballin, der dänische Jude, den ein unbarmherziges Schicksal als Achtzehnjähriger zum Ernährer einer vielköpfigen Familie zwingt, dem nichts, aber auch gar nichts, den Weg zum Aufstieg, zur „Karriere" erleichterte, der ohne Geld, ohne Bekannte, ohne Protektion, ohne Heimatrecht, in einer Stadt, in der trotz des weltbürgerlichen Horizontes der Eingesessene und das Eingesessene mehr als alles galt, seinen Weg begann, da zeigt sich, daß Ballin ein ungewöhnlicher Kopf, ein Finder neuer Wege, ein genialer Kalkulator aller Möglichkeiten, ein sicherer Treffer der Notwendigkeiten und Erfordernisse des Augenblicks, ein Kaufmann allergrößten Formats gewesen; ein Mann, der sich sein Glück mit den Waffen der Intelligenz, rastloser Arbeit, immer neuen Unternehmungsgeistes ganz allein geschmiedet hat, aber so sehr sein Glück als Schuld und Verpflichtung empfand, daß er eigentlich ganz Diener seines Werkes, seines Heimatlandes und der Welt geworden ist. Nicht als ob an seinem menschlichen Charakterbild nicht auch Flecken wären; redlich und wahrhaft malt Stubmann Licht und Schatten nebeneinander, ohne den Versuch, zu verschleiern und zu retouchieren. Aber diese Schwächen in der seelischen Gestalt seines Helden sind die selbstverständlichen Abzüge, die von jedem Idealbilde zu machen sind, sie vermögen die entscheidenden Konturen seiner Persönlichkeit nicht zu verschieben. Ballin war ein großer Mensch, groß in der Perspektive seiner Pläne, groß in der Hintansetzung seines Ich gegenüber dem Ziel, das der Gesamtheit galt, in der Vielgestaltigkeit seines Wollens und erfinderischen Strebens, in der Schlichtheit und Selbstdisziplin auf der Höhe berauschender Erfolge und glanzvoller sozialer Stellung, groß auch durch die Weite und Fülle seines Geistes. Er ist niemals nur Reeder und Kaufmann gewesen. Er ist ein Mann umfassender autodidaktischer Allgemeinbildung, Meister der Rede, des gesprochenen wie des geschriebenen Wortes. Menschen zu gewinnen, war kein größerer Künstler als er. Seine ungewöhnliche Gewandtheit und Sicherheit beruhte auf tiefer Herzensbildung und Menschenaohtung, artet daher nie in Routine aus, die 180