Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Die Sintflut in Sage und Wissenschaft
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 176 (sequence 9)
- Language
- German
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Ludwig ßasnizki Fluten die atmosphärischen Niederschläge nur einen untergeordneten Teil haben können. Sie können ihrer ganzen Entstehungsweise nach ein gewisses Maß nicht überschreiten; sie bleiben in ihren heftigsten Formen räumlich beschränkt, und sie fließen ab, indem sie dem Gefälle der Täler folgen. Außerordentlich viel gewaltiger sind die Fluten, welche von Wirbelstürmen herrühren, und die ausgedehntesten sind jene, welche von Erdbeben verursacht werden." Das Resultat der ungemein sorgfältig durchgeführten und qaellenreichen Studien gipfelt in der Anschauung, daß die Sintflut als natürliche Katastrophe am unteren Euphrat stattgefunden habe, daß sie das mesopotamische Tiefland überflutete, daß sie durch seismische Vorgänge und einen vom Persischen Golf hereinstürzenden Zyklon in ihrer Wirkung ins Ungeheure gesteigert wurde, aber nicht bis über das Gebiet des Euphrat und Tigris hinaus sich erstreckte. Süß lehnt also die Annahme einer die ganze Erde bedeckenden Flut entschieden ab und vermag auch in dem ähnlich klingenden Sagenschatz der Völker keinen zwingenden Grund für die Änderung seiner Auffassung zu erkennen. Es erscheint uns selbstverständlich, daß die unter dem Namen Eiszeit bekannte jüngere Erdperiode von manchen Forschern mit der Sintflut in Verbindung gebracht wurde. Und in der Tat: wenn man bedenkt, daß in Europa sich die Vereisung von Skandinavien bis tief in die norddeutsche Tiefebene hinein erstreckte, daß sie von den Alpen her bis in die Münchner Gegend nachgewiesen ist, daß ganz Nordamerika bis zum mittelamerikanischen Gebiet, und Südamerika vom Feuerland her bis in die Gegend des Äquators Spuren der Vereisung aufweisen, so könnten wir uns schon vorstellen, daß das Verschwinden solcher Eismassen sintflutartigen Charakter annehmen konnte. Datieren wir die letzte der Eiszeiten auf etwa 15 ooo Jahre zurück, eine Zeit, in der der Mensch sicher schon lebte, so könnten wir annehmen, daß die damals von den Schmelzwassern heimgesuchte Menschheit dies als Sintflut in der Überlieferung aufbewahrte. Von Interesse ist an dieser Stelle die im ersten Teil erwähnte Flutsage der Iranier, bei denen die Sintfluterzählung mit Frost und Schnee beginnt. Wir wenden uns nunmehr jenem Teil des 1924 erschienenen Buches von Dacque über „Urwelt, Sage und Menschheit" zu, der sich eingehend mit der Sintflutsage als naturwissenschaftlichem Problem befaßt Die einzige Übereinstimmung mit Süß besteht darin, daß auch er die Sintflut als eine Naturkatastrophe auffaßt, wie er ja überhaupt ganz allgemein den Sagen und 176