Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Die Sintflut in Sage und Wissenschaft
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 175 (sequence 8)
- Language
- German
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Die Sintflut in Sage und Wissenschaft Zum Transport des gewonnenen Naphtas auf dem Euphrat werden rohe korbartige Behälter innen und außen mit Asphalt begossen, wodurch sie naturgemäß einen großen Teil ihrer Tragfähigkeit einbüßen, aber doch noch ihren Zweck erfüllen. Die Verwendung von Erdpech ist auch bei größeren Ziegelsteinbauten als Bindemittel, und bei der Herstellung von brennenden Wurfgeschossen nachgewiesen worden, ein Zeichen, daß die geologischen Vorbedingungen in der Euphrat-Niederung hierfür besonders günstig gewesen sein müssen. Allen in historischer Zeit stattgehabten größeren Erdkatastrophen pflegen kleinere Erdbeben mit Küstenüberflutungen vorauszugehen. Bei häufiger Wiederholung solcher Kleinbeben in derselben Gegend können sie sehr wohl zur Vorsicht mahnen und den Bau eines schwimmfähigen Hauses nahelegen. Die Katastrophe selbst erklärt sich Süß als einen jener Wirbelstürme, die das untere Mesopotamien schon öfter heimgesucht haben. Die solche Stürme begleitenden Staubwolken vermögen tatsächlich den Tag zur Nacht zu machen, wie einwandfreie Reiseberichte uns erzählen. Auch das Austreten der Flüsse aus ihrem Bett, die Stauung und Überflutung der Kanäle, die Bildung von gewaltigen Erdspalten, aus denen die Grundwasser dann empordringen, sind einwandfrei beobachtete Begleiterscheinungen katastrophaler Erdbeben. Stellen wir uns zu all diesen Anzeichen noch vor, daß ein Zyklon vom Meere her nach dem Lande hinwütet, dessen zerstörende Kraft schon oft hunderttausenden von Menschen in einer Nacht das Leben gekostet hat, so fehlt nichts mehr, um die sintflutartige Heimsuchung des verhältnismäßig flachwelligen Tieflandgebiets am Euphrat verstehen zu können. Die Dauer einer solchen Katastrophe, die in der babylonischen Erzählung auf sechs Tage und sieben Nächte angegeben ist, steht ebenfalls in keinem direkten Widerspruch zu den von Menschen beobachteten Sturm- und Flutkatastrophen. Die Strandung des Schiffes im Lande Nizir ist für Süß ein sicheres Anzeichen, daß das Schiff landeinwärts getrieben wurde, daß also eine Meeresflut bei dem Ereignis eine wesentliche Rolle spielte; denn eine Regenflut hätte, dem Lauf der Flüsse folgend, das Schiff zum Meere hingetrieben. Die entscheidende Stelle, in der Süß das Meerwasser und nicht wie in der Bibel das Regenwasser als Hauptursache der Sintflut betrachtet, sei wegen der nachfolgenden Gegenüberstellung mit einem andern Forscher wörtlich hierher gesetzt: „Es muß schon vom Beginne festgehalten werden, daß an so großen 175