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Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 173

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Die Sintflut in Sage und Wissenschaft
Date
1927-06-01
Page
173 (sequence 6)
Language
German
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Die Sintflut in Sage und Wissenschaft Auf den Antillen herrscht die Sage, daß der Ozean in einen Kasten eingeschlossen sei. Ein dummer Affe wirft den Kasten um, so daß die ganze Erde überflutet wird. Sehr ausführliche und mannigfaltig ausgestattete Flutsagen besitzt Mexiko. Die Mexikaner kannten vier Weltalter: Erde, Feuer, Luft und Wasser. In dem Zeitalter des Wassers kam die große Flut über das Land, die alle Menschen in Fische verwandelte. Nur ein Mann und ein Weib bestiegen einen ausgehöhlten Cypressenstamm und wurden gerettet Sie zeugten Kinder, die aber stumm und taub waren. Da brachte ihnen eine Taube Zungen verschiedener Art, jede für eine andre Sprache. Wir sehen, wie hier eine Flutsage mit Argumenten aus der babylonischen Sprachverwirrung verknüpft wird, eine Tatsache, aus der wir mit Sicherheit den späteren Einfluß von Missionaren erkennen können. In Peru beobachtet ein Schäfer, wie ein großer Teil seiner Lamaherde die Blicke beständig nach einem Sechsgestirn am Himmel wendet, ein Zeichen, daß die Welt von einer Flut heimgesucht werden soll. Er rettet sich mit seiner Herde auf einen Berg, der sich schließlich vom Festland loslöst und auf dem Meere dahinschwimmt, bis er durch die fallende Flut wieder an anderer Stelle abgesetzt wird. Der Gott Bohika hatte ein böses Weib, das in seiner Bosheit eine Sintflut verursachte. Ihr göttlicher Gatte verjagte sie darob, worauf sie zum Himmel anstieg und dort als kalter Mond leuchtet Bei den Austrainegern erzählt man sich, daß ein Frosch alle Wässer der Erde ausgetrunken habe; plötzlich sieht er einen tanzenden Aal. Das reizt ihn derart zum Lachen, daß er das Gewässer wieder von sich gibt, woraus die Sintflut entsteht „Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los" ist der Kern einer Flutsage in Südaustralien. Um sein Weib zu ertränken, schuf Gott Nurundere eine Flut, die aber so gefährlich wurde, daß er selbst in ein Boot flüchten muß. Das Boot wird bis zum Himmel gedrängt und bleibt an der Milchstraße hängen, wo es heute noch zu erkennen sein soll. Die Polynesier der Gesellschaftsinseln schreiben die Flutursache einem Fischer zu, der den auf dem Meeresgrund schlafenden Gott mit der Angel emporgezogen hatte. Zur Strafe strömt die Flut herbei; doch wird sonderbarerweise auf sein Flehen der Fischer mit seiner Familie gerettet, während die ganze übrige Menschheit vernichtet wird. 173

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