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Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 166

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1927-06-01
Page
166 (sequence 7)
Language
German
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Julius Goldstein Dem völkischen Antisemitismus bleibt daher nichts anderes übrig, als bei der unsittlichen Praxis der früheren Judenpolitik zu verbleiben: auf dem Verwaltungswege den Juden vorzuenthalten, was ihnen verfassungsmäßig zukommt. Die Unterscheidung von staatsbürgerlichen Rechten, die Stapel den Juden nicht vorenthalten will und von volksbürgerlichen Rechten, von denen Stapel die Juden ausschließen will, ist in der rechtlichen Praxis des Lebens unmöglich. Es ist charakteristisch, daß Stapel die Grenzen zwischen staatsbürgerlichen und volksbürgerlichen Rechten nirgends genau angegeben hat Diese Grenzen zu ziehen, macht er zu einer Sache des Taktes. Nun ist der Takt eine wertvolle und wichtige Tugend im persönlichen Verkehr der Menschen untereinander — es ist aber die Eigentümlichkeit des Taktes, daß er jenseits der rechtlichen Kompetenzen liegt, daß er nicht im Sinne des Rechtes gefordert werden kann, daß Taktlosigkeit kein juristisch faßbarer Begriff ist. Taktloses Verhalten erschwert und schädigt das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden — es ist Sache der Erziehung und der öffentlichen Meinung, hier bessernd einzuwirken: Wobei man beachte, daß Taktlosigkeit kein Monopol der Juden ist — — Die Ausbreitung des völkischen Antisemitismus birgt auch Gefahren für die Millionen deutscher Abstammung, die in außerdeutschen Ländern ihre Heimat haben. Denn was den Völkischen in Deutschland gegenüber den Juden recht ist, muß auch den Völkischen andrer Länder gegenüber ihren „deutschstämmigen" Mitbürgern billig sein. Wer in Deutschland einer Bevölkerungsgruppe politische und kulturelle Rechte abspricht, weil sie andrer seelischer Zuständlichkeit sein soll, darf sich nicht wundern, wenn in anderen Ländern das Argument auch gegen die eignen „Stammesgenossen" verwendet wird. Der Ku Klux Klan, der Verband der Amerikanisch-Völkischen, bekämpft die ihr Deutschtum bewahrenden Deutsch-Amerikaner mit der gleichen Heftigkeit, wie er Juden und Katholiken bekämpft. Nichts wirkt ansteckender als Theorien des Hasses und des Hochmutes. Der völkische Nationalismus ist in allen Ländern bestrebt, Menschen, die nicht seinem Ideal der geistigen Uniformierung entsprechen, zu entrechten. Beispiele aus den uns umgebenden Staaten reden heute schon eine bedrohliche Sprache. Nach völkischer Theorie müssen Menschen, die Staatsbürger eines Landes geworden sind, dem ihre Vorfahren früher nicht angehört haben, von aber offenbar keinerlei Gewähr dafür gegeben, daß derjenige, der sich einer Nation zurechnen läßt, auch tatsächlich deren geistige Züge trage." („Über das Wesen des Geschichtlichen**, Tübingen iga6, p. ä3.) 166

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