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Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 163

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1927-06-01
Page
163 (sequence 4)
Language
German
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Vom demokratischen zum völkischen Bürgertum Die Infamierung liberaler und demokratischer Ideen hat sich auf dem Umweg über den Antisemitismus vollzogen, als welcher Umweg seither im Gebiete der deutschen Politik immer der kürzeste Weg geblieben ist, um der Mühe einer sachlichen Auseinandersetzung zu entgehen. Und als man später, berauscht von dem Glauben an die unvergleichlichen Vorzüge des eignen Blutes, die Judenfrage zu einer Rassenfrage umfälschte, da bezeichnete man die eigne Feudalisierung der politischen Gesinnung als „deutsch" und die dieser Gesinnung entgegenwirkende Politik als „blutsfremd", als „jüdisch". Am Ende dieser Entwicklung steht der völkische Antisemitismus, der zwar die Nomenklatur der Rassentheorie vermeidet, die Wertbetonungen dieser Theorie aber als wirksame Elemente beibehalten hat „Blutsfremd" ist eine Politik der Verständigung, wenn ein Rathenau sie vertritt Wenn dieselbe Politik aber von einem Manne wie Stresemann verfochten wird, verliert sie ihre Blutsfremdheit Wenn Ballin mit sachlichen Gründen vor dem U-Bootkrieg warnt, dann ist es die Warnung des „Blutsfremden", der deutsche Belange nicht richtig empfinden kann. Wenn aber General Hoffmann den U-Bootkrieg verwirft, dann ist es eben etwas anderes. Die Völkischen verlangen, daß deutsche Politik von deutschen Instinkten geleitet werde, für welche die Juden des Verständnisses ermangeln. Sie, die Juden, hält man sich als letzte Reserve für den Fall eines Mißerfolges. Die ünweisen von Thron und Schwert stützen sich dann auf „die Weisen von Zion."-- Ich habe die innerpolitische deutsche Entwicklung der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts auf die Formel gebracht: Die Institutionen wurden demokratisiert, die Menschen feudalisiert Es muß aber hinzugefügt werden: mit Ausnahme der Juden. Daß die Juden dieser Feudalisierung fern blieben und in ihrer Mehrzahl liberalen und demokratischen Ideen auch fernerhin anhingen (was in England und Italien nicht der Fall war!), hat mit jüdischer Wesensart nicht das geringste zu tun. Die Gründe liegen in einer konkreten, historisch-politischen Situation. Je mehr sich das deutsche Besitzbürgertum ist doch nur ein Jude". Auf Andraes Frage: „Wer denn, wen meinen Sie eigentlich?" antwortete Bismarck: „Stahl, meine ich, wen könnte ich denn sonst meinen?" „Was", sagte Andrae, „Stahl meinen Sie? Den Führer und Fahnenträger unsrer Partei? Von dem wissen Sie nichts weiter zu sagen, als daß er nur ein Jude ist?" „So", rief Bismarck, „was, denken Sie, würde aus Stahl geworden sein, wenn er nicht Gerlach zur Seite gehabt hätte?" Im Verlauf der weiteren Besprechung stellte es sich heraus, daß es eben die liberalen Anklänge waren, die sich bei Stahl finden, und denen Gerlach nicht zustimmte, die Bismarck Anlaß zu seinem schroffen Urteil gaben. (Zitiert aus M. Michniewicz: Stahl und Bismarck, Inauguraldissertation, Berlin iqi3, S. ii5/i6.) 11* 163

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