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Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 162

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1927-06-01
Page
162 (sequence 3)
Language
German
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Julius Goldstein — und die ihm sozial angegliederten Kreise — durch den Reserveleutnant zu den »Spitzen der Gesellschaft' zu machen. Der Akademiker kam früher aus dem Bürger- und Bauernstand; es war sein Stolz, ein Sohn des Volkes zu sein, und für dieses die Güter der Bildung im besten Sinne des Wortes zu popularisieren; er fühlte sich als Führer des Volks. Der »Leutnant' hat ihn dem Volk entzogen, und zu einem Mitglied der herrschenden Klassen gemacht Der Reserveleutnant — dem Hof, dem Dynasten, dem Adel aggregiert — hob ihn über das Volk zu den Herrschenden, zu den gesellschaftlich Bevorzugten; er fühlte sich in dieser Lage wohl, denn hier besaß er Potenz, in bestimmtem Umfange Omnipotenz." (Süddeutsche Konservative Korrespondenz, i. Sept 1925.) So wurden unter der Führung Bismarcks die Institutionen demokratisiert, die Menschen aber feudalisiert An diesem Widerspruch ist das alte Reich zugrunde gegangen. Das Bürgertum verlor im Gefolge dieser Entwicklung viele von jenen Eigenschaften, die ihm einstens den Ehrentitel des Volkes der Dichter und Denker eingebracht hatte: Weltaufgeschlossenheit und Weitherzigkeit, Vorurteilslosigkeit und Originalität des Denkens, Toleranz und Humanität Nach i848 vollzog sich ein Bruch in der Mentalität des deutschen Bürgertums, wie er so schroff und so schnell in keinem Lande Europas vorgekommen ist Die jungen Männer, die Träger der schwarz-rot-goldenen Ideale, gingen entweder körperlich und seelisch im Kerker zugrunde oder flüchteten nach Amerika. Der Rest zog sich aus dem politischen Leben zurück und warf sich in die technisch-industrielle Entwicklung. Die kriegerischen Erfolge militarisierten und uniformierten das Denken. Eigene politische Überzeugungen wurden nicht mehr geduldet Man überließ sie einem einzigen großen Manne, Bismarck, der nach einem Worte Gladstones Deutschland größer, die Deutschen aber kleiner gemacht habe. Bismarck hat auch den Antisemitismus zu einem politischen Machtfaktor im Kampf gegen den Freisinn anwachsen lassen. Er selbst teilte in seinen jungen Jahren die Vorurteile seiner Klasse. In den letzten Jahrzehnten seines Lebens hat er den Antisemitismus zurückgewiesen. Als es aber galt, den Liberalismus zu bekämpfen, hat er ihn auf dem politischen Kampfplatz zugelassen.1) *) Wie leicht einem preußischen Adeligen liberal und jüdisch durcheinandergehen, dafür hat Bismarck selbst ein interessantes Beispiel gegeben. Andrae Roman berichtet von einem Morgenbesuch bei Bismarck im Winter 18^9. Bismarck empfing ihn mit den Worten: „O, er 162

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