Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 161

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1927-06-01
Page
161 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895470-2897813--01871-2897887
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Julius Goldstein: Vom demokratischen zum völkischen Bürgertum Gehalt. Der religiöse, und in seinem Gefolge der metaphysische Nihilismus wird aber in der Erregung des Kampfes noch nicht schmerzlich empfunden. Erst wenn der Sieg errungen, die alte Ordnung gestürzt, die neue Klasse sich gesellschaftlich und politisch durchgesetzt hat und mit der Erreichung ihrer Ziele die Skepsis der Enttäuschung sich einstellt, wenn also das alte System Vergangenheit und damit Gegenstand historischer Betrachtung geworden ist, dann erst merkt die neue Generation, die nicht mehr auf den Barrikaden gestanden hat, was an geistigen Werten verloren gegangen ist. Die depossedierten Schichten, aufgejagt aus dem bequemen Besitz ihrer Privilegien, haben inzwischen eine gegenrevolutionäre Ideologie geschaffen, in der das verklärte Bild des Alten die neuen unfertigen Zustände überstrahlt Die Väter und Söhne des aufsteigenden Bürgertums standen noch zu sehr im Kampfe für die neuen Ideale, um von diesem Bilde ergriffen zu werden; die Enkel verfallen seinem Zauber. Die Zeit der zurückgedrängten Klasse ist gekommen. Sie fühlt, die alte Ordnung ist erschüttert So versöhnt sie sich mit dem Neuen, und macht es ihren Zwecken dienstbar. Es war damals wie heute: Die Reaktion schlüpft in jede revolutionäre Idee von gestern hinein, höhlt sie aus und erfüllt sie mit ihrem Geiste. Die nationale Idee des Bürgertums war revolutionären Ursprungs — die Feudalaristokratie machte sie sich zu eigen. Die Idee der allgemeinen Wehrpflicht war revolutionären Ursprungs — die Feudalaristokratie übernahm sie nach langem Widerstreben als Instrument ihres Machtwillens. Die Ideen der konstitutionellen Verfassung, der parlamentarischen Volksvertretung, des allgemeinen Wahlrechts waren revolutionären Ursprungs — die Feudalaristokratiehat sie schließlich in ihren Dienst gestellt1) Diese erstaunlichen Erfolge verdankte die .Feudalaristokratie ihrem größten Sohne: Bismarck. Die begüterte Schicht des Bürgertums wurde mit diesem Zustand der Dinge ausgesöhnt; man erschloß ihr den Zugang zu den privilegierten Ständen — durch den Reserveoffizier. Adam Boeder hat die innerpolitische Bedeutung dieses Instituts scharf gezeichnet: „Es war eine der feinsten Operationen des preußischen Militärabsolutismus, den Akademiker In seinen Tagebuchblättern aus der Zeit der Stellvertretung und Regentschaft des Prinzen von Preußen berichtet Theodor von Bernhardi von einer Besprechung, die er mit den Häuptern der liberalen Partei über die Haltung bei den nächsten Wahlen gehabt hat. Es wurde gefordert, man müsse die Junkerpartei für parlamentarische Verfassung zu gewinnen suchen. Dazu schreibt von Bernhardi in Klammer: „(Welch ein Widersinn! Eine parlamentarische Verfassung, gehandhabt von dieser Partei! Das wäre eine saubere Bescheerung!)" So geschrieben im Jahre i858! 11 161

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.