Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 156 (sequence 8)
- Language
- German
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15. Jacolj jedem Menschen eingeboren, denn jeder Mensch hat das zweite Gesicht, mit dem man das unsichtbare Göttliche wahrnimmt Sie ist eine Welt- und Menschheitsreligion. Um ihretwillen hat Gott am Sinai das Zehnwort gegeben — aus dem Feuer, unter Donner und Blitz, indes der Berg erbebte, „damit, die Furcht des Elohim euch vor Augen sei, damit ihr nicht sündigt". Die Furcht GOTTES aber ist die israelitische Verlebendigung, Erweiterung und Vertiefung, denn sie sieht sich nicht einer unbestimmten Gottheit, sondern dem persönlichen, lebendigen Golt gegenüber. Sie hat jene zur Voraussetzung, aber sie kann nicht wie sie gefordert werden. Dazu muß man eine Geschichte wie die Israels und mit israelitischem Herzen erlebt haben. Sie ward geweckt durch das große Volkserlebnis der Errettung, in der Israel den Gott seiner Väter und seine „große Hand" erkannte, „da fürchteten sie GOTT und glaubten an IHN". Seitdem ist ER sein Elohim, spricht es von ihm: Mein Golt und wird zu ihm gesagt: du sollst IHN deinen Gott fürchten. Die Furcht GOTTES ist die für Israel groß geschriebene Furcht Gottes. Zu der Scheu kommt die aus Dank geborene Liebe. Sie ist die Rechte Gottes, die heranzieht, nachdem die Linke ferngehalten hat. Durch diese Nähe wird sie zur Gollvertrautheit und damit freilich gründlich gewandelt. So steigert sich die Menschenachtung zur Achtung insbesondere des Schwachen, weil sie auch an dem Unansehnlichen und Hilflosen den Goltesschein wahrnimmt und hinter ihm den göttlichen Helfer sieht Das ist die Frucht des eigenen Erlebnisses. Sie wird sozial zur Bruder- und Menschenliebe, religiös zu einem reichen, reinen und freudigen Leben mit Gott Die Furcht GOTTES ist das wahre Leben, die wahre Weisheit Von der Liebe ist sie nur im Temperament und dem eingehaltenen Abstand unterschieden. Das ganze israelitische Leben mit sämtlichen Geboten und Verboten, aller Ritus und Kultus ist nur die tausendfältige Betätigung dieser Einen Grundstimmung und Befolgung dieses Einen Imperativs. Israel ist mit diesem Mehr begnadet und geheiligt als der gottnahe durch seine Lebensfügung berufene Priester der Völkerwelt Aber auch die außerisraelitische Gottesfurcht begnügte sich nicht mit Gefühl, Stimmung und Gesinnung. Auch sie suchte dem Göttlichen nahe und näher zu kommen und schuf sich die mannigfachsten Formen des Gottverlangens und der Verehrung. Die, wenn man nun einmal zum Schöpfer und Herrn noch nicht vorgedrungen ist, verhältnismäßig würdigste ist die Anbetung der Sonne und der Gestirne, seiner Diener erster Ordnung. Die natürlichste und ihrem Wesen nach religiöseste Annäherung ist das Opfer, 156