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Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 145

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Spinozas Bann
Date
1927-06-01
Page
145 (sequence 2)
Language
German
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Carl Gebhard: Spinozas Bann Amsterdams, die ja aus dem Scheinkatholizismus dreier Generationen erst wieder ihr Judentum aufbauen mußte, hatte zudem allen Grund, gegenüber der geschlossenen Religionsform des aschkenasischen Judentums ihre religiöse Reputation zu wahren und konnte schon deshalb nicht jede ketzerische Meinung in ihren Reihen dulden. Sie konstatierte darum in der Form des Cherems, daß Spinoza nicht mehr Jude sei Daß diese Konstatierung mit formelhaften Verwünschungen verbunden war und in einer gewissen zeremoniellen Weise vorgenommen wurde, ist schlechthin Zeitstil. An sich war eben der Cherem die offizielle Form synagogaler Verurteilung, die in jener Zeit ziemlich häufig angewandt wurde, so unter anderem auch gegen die Verfasser erotischer oder satirischer Dichtungen, einmal auch, wie die von mir publizierten Urkunden zeigen, gegen den allzu temperamentvollen und selbstherrlichen Menaschch ben Israel. Kann man der portugiesischen Gemeinde in Amsterdam also keinen Vorwurf daraus machen, daß sie sich durch die Exkommunikation von Spinoza getrennt hat, so könnte man ihr freilich zum Vorwurf machen, wenn sie durch irgendwelche Mitlei seine Existenz zu vernichten gesucht hätte. Zweifellos hat die Gemeinde gegen Uriel da Costa den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Boykott in einer Form angewandt, die sich kaum rechtfertigen läßt. Man mag ihr freilich zugute halten, daß da Costa immer von neuem Streit in die Gemeinde hineintrug und auch von außen her, in Hamburg und Italien, sie bedrohte. Spinoza hat nach dem einwandfreien Zeugnis der Quellen es vermieden, seine Ansichten innerhalb der Gemeinde zu propagieren, und dementsprechend hat auch die Stellungnahme der Gemeinde ihm gegenüber, soweit wir es übersehen können, in keiner Weise jenen Charakter der Gehässigkeit oder der Verblendung wie im Kampfe gegen da Costa. Sie versuchte, durch das Anerbieten eines Jahrgeldes Spinoza zu bewegen, daß er trotz innerlicher Loslösung die religiösen Formen wahre, und man kann natürlich verschiedener Meinung sein, wie ein solches Vorgehen zu werten ist, ob nicht dabei die Religion auf Kosten des Decorums zu kurz kommt. Irgendein feindliches Vorgehen der Gemeinde gegen Spinoza läßt sich nicht feststellen. Wenn wirklich in jener Zeit ein Attentatsversuch auf ihn gemacht worden ist, wie der Hauswirt Spinozas, van der Spyck, erzählte, so war es die Tat eines einzelnen Fanatikers, die der Gemeinde als solcher nicht zur Last fällt. Und darüber, daß Spinoza auf Verlangen des Gemeindevorstands vom Amsterdamer Magistrat für einige Monate aus der Stadt wäre verbannt worden, habe 10 145

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