Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Spinozas Bann
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 144 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895470-2897811--01852-2897870- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Spinozas Bann Von Carl Gebhardt Die Spinoza-Feier hat ein auf Sensation gestelltes Berliner Blatt veranlaßt, an den Rabbiner der portugiesisch-jüdischen Gemeinde in Amsterdam die Anfrage zu richten, ob der seinerzeit über Spinoza verhängte Bann noch bestehe, worauf ihm die Antwort zuteil wurde, daß der Bann nicht aufgehoben sei Diese Nachricht ist dann, zum Teil in sehr sensationeller Aufmachung („Ein Weltskandal!" u. dergl.) durch die europäische Presse gegangen und hat wohl hier und da den Eindruck hervorgerufen, als ob noch heute das Judentum Spinoza in Acht und Bann getan hätte. Darum mag einmal grundsätzlich die Frage ins Auge gefaßt werden, was es eigentlich mit dem Bann Spinozas auf sich hatte. Zunächst muß man sich darüber klar sein, daß das siebzehnte Jahrhundert zwei uns geläufige Erscheinungen noch nicht gekannt hat: den Kirchenaustritt und das Dissidententum. Hatte sich im siebzehnten Jahrhundert jemand von den Grundüberzeugungen seiner kirchlichen Gemeinschaft gelöst, ohne aber die Überzeugungen einer anderen Kirche anzunehmen, so blieb er der Form nach, auch als „Libertin", in seiner Kirche, sofern nicht diese die Zugehörigkeit des Gegners untragbar fand und ihrerseits die Initiative zur Trennung in der Form einer Ausschließung (Exkommunikation) ergriff. So liegt in der Tat der Fall Spinozas. Der Schüler Saul Levi Morteiras hatte sich in seinen Anschauungen, die wir ja aus seiner Jugendschrift, der „kurzen Abhandlung über Gott, den Menschen und dessen Glück" kennen, so weit von den damals in der jüdischen Gemeinde Amsterdams herrschenden religiösen Überzeugungen entfernt, daß es kein billig Denkender der Gemeinde verargen kann, wenn sie den Trennungsstrich zog. Die sephardische Gemeinde 144