Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 141 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsterblichkeit geworden. Spätere Interpreten des biblischen Wortes meinten, daß das Nichterwachen zum Heil unter den Fittichen der göttlichen Schechina genügend Strafe für den Frevler sei; die wertlose Seele sollte vernichtet werden. Wert oder Unwert erscheint aber hier begrenzt auf die ethische Dignitat Übereinstimmung mit der göttlichen Forderung oder Widerstreit mit ihr bestimmt für diese Auffassung das Ganze des Menschen. Das war eine folgerichtige Entwicklung; denn in der rechtlich moralischen Verselbstandigung war die Persönlichkeit überhaupt erst zu eigener, freier, selbstbewußter Existenz erwacht. Und doch stellt diese Motivierung des Unsterblichkeitsglaubens eine merkwürdige Verschlingung verschiedenartiger Tendenzen dar. Wird der ethische Sinn des Menschen von einer Gestaltung des Schicksals, die außerhalb des eigenen Willens den Anstoß hat, berührt, mag dieses Schicksal sich im Himmel oder auf Erden vollziehen? Gewiß nicht; denn die Erfüllung des Gesetzes oder die Sünde ist der Eigenbesitz des Willens; die Konsequenzen* die diese oder jene Haltung zum Gebot haben mag, liegen schon außerhalb der eigentlich menschlichen Sphäre und vermögen deren Charakter nicht zu wandeln. Es erscheint darum in der Tat als eine Läuterung des religiösen Geistes, wenn die Begründung des Fortlebens aus ethischen Momenten in den Hintergrund rückt; denn das sittliche Selbst braucht weder zu seiner Ermöglichung und Entfaltung eine andere Wirklichkeit wie die irdische, noch wird es durch sie bereichert oder gar vollendet Ja, der Heroismus der reinen starken Tat erscheint getrübt, wenn sie in das Getriebe von Folgen hineingezogen wird, die an sich mit ihr nichts zu tun haben. Die Vergeltungsidee kann sich nicht als eine Forderung der moralischen Vernunft ausweisen. Diese kann vielmehr nur als gültig anerkennen, was die Energie des sittlichen Strebens selber steigert; und wenn die Frevler nicht zum Leben erweckt zu werden brauchten, um den Lohn für ihre schlimmen Taten empfangen zu können, dann müßten sich auch die Gerechten mit dem gerechten Werke selber begnügen, das ihnen die Fülle ihres Daseins ausschöpft In der Tat verblaßt diese Form des Unsterblichkeitsglaubens in der entwickelten Religion gegenüber ganz anderen Triebkräften. Wir können uns ihrer am leichtesten dadurch bemächtigen, wenn wir auf den besonders gefärbten Sinn achten, den in der Sprache des Glaubens das Wort „Leben" annimmt Dieses Leben erhebt sich über dem dunklen schweren Untergrunde des in die Fesseln irdischen Bedürfens und staubgeborener Leidenschaften eingespannten Daseins, als ein Leben in oder mit Gott Die Überhöhung des 141