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Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 140

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Unsterblichkeit
Date
1927-06-01
Page
140 (sequence 6)
Language
German
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Max Wiener ein Wunder, über das man sich nicht wundern konnte. Als die Götter starben und die Naturkräfte ihre Herrschaft übernahmen, ging es wohl stiller in dieser Welt zu; aber es war doch dieselbe eine Welt geblieben, außerhalb deren Grenzen das Nichts war, und innerhalb deren die Fülle des Alls einem Gesetz gehorchte. Alles Sein steht hier auf einer Ebene; ein Schicksal umfängt Lebendes und Totes. Der personliche Gott des Judentums bricht die Welt in schärfstem Riß auseinander; er ist vom Menschen aus gesehen ein nicht zu übertönender Protest gegen allen Monismus, namentlich gegen denjenigen, der die Artverschiedenheit zwischen persönlich-seelischem Leben und allem, was außerhalb dessen liegt, verwischen will. Ob und wie eine wissenschaftliche Auffassung der Welt sich mit diesem für die Religion des Judentums und die von ihr bestimmten Gedankenkreise abzufinden vermag, ist für den religiösen Standpunkt gleichgültig. Jedenfalls geht hier und nicht bei irgendwelchen Wundern, welche die Tradition erzählt, die Grenze. Es ist von Religionswegen auch nicht gestattet, einen gleichsam provisorischen, beziehenüichen Standpunkt zu den Tatsachen menschlich vernünftigen Geschehens einzunehmen, sie zu betrachten, „als ob" sie sich als die Erscheinung von Persönlichkeiten auswirkten, sie „für uns" unter diesem Gesichtswinkel zu deuten. Es handelt sich vielmehr um letzte, um absolute Wirklichkeit, um genau die gleiche, wie es diejenige Gottes ist Wenn man sich das vor Augen hält, rückt die Unsterblichkeitsfrage in das richtige Licht Sie ist eine ganz und gar religiöse Angelegenheit Der Nachweis, daß es letzte unzerstörbare Einheiten von lebendiger Substanz gebe, also eine naturwissenschaftlich approbierte Unsterblichkeit, interessiert uns darum hier garnicht Das Problem ist vielmehr dies, ob der volle Sinn persönlicher Formung den Durchbruch durch die Grenzen irdisch leiblichen Seins braucht oder nicht In dieser Sphäre weiß sich der Gläubige ganz frei; wissenschaftliche Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten hemmen ihn nicht Die jüdische Antike, wie übrigens früher schon der Glaube der Ägypter, wies auf das Fortleben nach dem Tode vor allem zur Verwirklichung von Gottes gerechtem Weltregiment; die Disharmonieen zwischen Schicksal und Verdienst sollten so ihren Ausgleich finden. Nachdem längst die Väter nicht mehr sterben durften für die Sünden der Söhne, noch die Söhne für die Sünden der Väter, weil sie ja, jeder Einzelne, ihr eigenes Selbst hatten, war der Schauplatz für den göttlichen Gerechtigkeitswillen im Irdischen zu eng 140

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