Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 139 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsterblichkeit nicht alles regsamen Daseins beraubt. Doch das ist der ursprüngliche Unsterblichkeitsglauben einer Frühzeit, dem die prophetischen Verkünder und Hüter der für Israel charakteristischen Religion eher feindlich gegenüberstanden, indem sie jedenfalls alle kultischen Verpflichtungen von Totenopfer und Grabspende, zu denen sich der einfache Mann aus dem Volke gehalten fühlte, als schweren Frevel und götzendienerische Handlung verwarfen. Denn das war eine natürliche, eine naturhafte Auswirkung der allenthalben gleichen primitiven Veranlagung zu mythologisierender Verlebendigung des Weltseins. Auf hohem Niveau der biblischen Spätzeit und der nachbiblischen Gestallung des jüdischen Geistes bedeutet die Überzeugung von der Erhaltung seelischen Lebens über das Grab hinaus etwas ganz anderes. Hier ist sie wichtigster Ausdruck und notwendige Konsequenz einer streng personalistischen Auffassung von Gott und Mensch. Wie die Einzigkeit des ewigen Weltschöpfers alle Theogonie im Keime unmöglich macht, die zeitliche Erschaffung aus dem Nichts in freier Selbstentschließung die charakteristischste Manifestation dieses Gottes ist, wie Gesetzgebung und sittliches Weltregiment den eigentlichen, den Menschen zugekehrten Sinn des Urwesens entfalten, so wird jetzt erst der Mensch, jedenfalls der vernünftige persönliche Geist, zum Zielpunkt des göttlichen Wirkens. Der Fortschritt der Religion besteht in der Erhöhung Gottes über das Universum, die ins Unendliche reicht, und der menschliche Geist hat seinen vollen Anteil an dieser Sublimierung des Göttlichen. Jetzt ist klar, was die Ebenbildlichkeit bedeutet. Die Kraft zu freier Erhebung über die Natur, die Nachahmung der ethischen Wesenszüge Gottes erschöpfen diese Ebenbildlichkeit keineswegs, sondern sind nur ein Symbol des im ganzen weltüberlegenen Charakters der Seele. Die Teilhabe an der Unendlichkeit Gottes verbürgt ihr die ewige Dauer. Im Polydämonismus des Heidentums bedeutet die Fortdauer der Seele, die hier immer von einer gewissen körperhaften Struktur bleibt, eine Tatsache der Physik, des einheitlichen Naturgeschehens überhaupt. Aus dieser Mythologie ist die Metaphysik, aus der Metaphysik die Wissenschaft, die von den physikalischen wie von den seelischen Erscheinungen, hervorgegangen; und diesem ganzen Wege von den frühesten Spuren animistischer Allbelebung bis zur Regularisierung der Ganzheit des Seins ist das Eine gemeinsam, daß Götter und Menschen, Körper und Seelen, Energie und Materie, bewegende Kraft und bewegter Stoff als die Offenbarung eines Prinzips gelten. Als noch die Götter lebten, bestand hier das „Wunder" in Permanenz; es war also 139