Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 138 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Wiener Eingießung des Lichtes von oben überhöht, die besondere Offenbarung an Israel in den Mittelpunkt aller Weltereignisse gestellt, — damit die volle und vollkommene Persönlichkeit Gottes, seine schöpferische Lebendigkeit, sein aller Naturkraft entgegengesetztes Wesen deutlich ans Licht trete. Man muß sich den Sinn dieses Prozesses überlegen. Er bedeutet, gerade wenn man in Betracht zieht, durch welches dialektische Feuer die jüdische Gottesidec hindurchgehen mußte, um ihren alten ursprünglichen Sinn unvermindert zu behaupten, den vollen Sieg des Persönlichkeitsgedankens, die Gewißheit der Freiheit Gottes und des Menschen. Kann man in der psychologischen Entstehung und Ausmalung der Vorstellung vom höchsten Wesen von Anthropomorphismus sprechen, von einem Bilde Gottes nach dem Ebenbilde des Menschen, so kehrt sich in der seelischen Aufnahme der Idee das Verhältnis um: Gott ist nicht anthropomorph, sondern der Mensch ist theomorph, seine Wirklichkeit hat ihr Maß an derjenigen -des Schöpfers. Daß der Mensch nicht sein darf wie Gott, daß er nicht ewig leben, nicht jene Fülle der Glückseligkeit genießen soll wie er, daß er in die engen Schranken der Kreatürlichkeit verwiesen wird, das ist ein Kennzeichen des Anfangs der geistigen Entwicklung. Die Götter selber sind nicht zu vollen klaren Individualitäten herangereift, und die dämonischen Plötzlichkeiten der Ausbrüche ihres Temperaments zeigen fast mehr ihre Abkunft von unberechenbaren Naturgewalten, als daß sie Offenbarungen menschlicher Seelenhaftigkeit sind. In dem Grade, da der Dämonismus in den Theismus übergeht, da die Grundlage des göttlichen Wesens die Persönlichkeit ist, entfaltet sich an ihrer Übernatur die des Menschen. Am Werden und an der Bedeutung des Unsterblichkeitsglaubens sieht man deutlich, wie jene grundlegende Eigenschaft Gottes das Schicksal des Menschen entscheidet Immer hat der Israelit — auch schon in der biblischen Frühzeit — an eine Fortsetzung der persönlichen Existenz nach dem Tode geglaubt. Wie sollte er auch nicht? Die Voraussetzungen animistischen Seelenglaubens und ihre Konsequenzen waren in seinem Gemüt mit der gleichen Bestimmtheit angelegt wie überall. Wie bei allen anderen Völkern erschien auch hier daä Wohlgefühl der Seele von den Äußerungen der Pietät abhängig, mit welcher man den Leichnam behandelte. Auch hier vermochten die vorübergehend zu einer Art irdischen Lebens erweckten Toten wertvolle Aufsclüüsse den im Licht noch Weilenden zu geben; und wer in Scheol hinabsank, war wohl abgeschnitten von dem Treiben und den Interessen der Oberwelt, aber darum 138