Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 137 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsterblichkeit nachträgliche Reflexion, alle psychologische Analyse und naturwissenschaftliche Überlegung, die das Ich den Dingen gleichsetzen, die die Seele in die Welt auflösen wollen, sie sind machtlos gegen die dauernde Wirksamkeit jenes Wunders, das den Menschen zum Glauben an seine einzigartige Kraft zwingt Die religiösen Probleme der Entstehung der Welt durch den göttlichen Willen und der Selbstbestimmung des Menschen gehören in der Tat eng zusammen; denn beidemal handelt es sich darum, daß einem im Vergleich zu allem sonstigen Sein andersartigen Prinzip, demjenigen der Persönlichkeit, Möglichkeit zur Betätigung gewährt werden soll. Die klassische Religionsphilosophie des Judentums hat bekanntlich eine ihrer wichtigsten Aufgaben darin erblickt, die Vorstellung von Gott von einer diesen Begriff vermenschlichenden Betrachtung fern zu halten. Sie wollte einer schon frühzeitig in der jüdischen Theologie vorwaltenden Tendenz folgend, den Anthropomorphismus möglichst ausschalten; und in der Lehre von den göttlichen Attributen ist sie in der Tat bis hart an die Grenze einer Gedankenbildung geschritten, wo der Begriff von Gott, dem Zugriff menschlicher Erkenntnis entzogen, jedes konkreten Gehaltes entleert, menschlicher Einbildungskraft keinen Zutritt mehr zu verstatten schien. Wenn Denken und Erkennen, Vernunft und Wille in bezug auf Gott nicht mehr den Sinn haben sollten wie in Anwendung auf den Menschen, wenn die überhaupt mögliche Ergründung seiner nur durch das Mittel negativer Attribute stattfindet, dann erscheint eine Gemeinschaft göttlichen und außergöttlichen Seins ausgeschlossen und durch diese Sublimierung der Grottesidee ihre mögliche Anwendung auf die Welt in Frage gestellt. Faktisch ist dieser Gedankenverlauf, der die reine Theorie inspiriert, aber von einem andern begleitet, der im entscheidenden Moment verhindert, daß Gott Idee bleibt In jene Konstruktion baut vielmehr der aus dem religiösen Denken des Juden nicht auszurottende Trieb alle jene gedanklichen Elemente ein, die schließlich Gott doch wieder zu einer Persönlichkeit gestalten, ja, die ihn in seiner höchsten Vollkommenheit gerade als Persönlichkeit auffzeigen. So wird um die außerhalb des jüdischen und des durch diesen inspirierten christlichen Geistes geradezu unverständliche These von der Erschaffung der Welt aus dem Nichts gekämpft, der klaffende Widerspruch zwischen der göttlichen Vorhersehung aller, auch aller menschlichen Dinge und der freien Selbstbestimmung hingenommen, die nach den antiken Vorbildern schon recht klar erfaßte Gesetzmäßigkeit des Naturgeschehens durch das Zugeständnis von Wundern verwirrt, die natürliche Vernunft durch die spontan erfolgende 137