Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 136 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Wiener Werden wir uns einmal darüber klar, daß unser Wissen um die eigene, vor allem um fremde Persönlichkeit nichts weniger als ein wirkliches Wissen ist, abgeleitet und erschlossen aus selbstleuchtender Wahrheit auf sicherem Wege, sondern daß sich in ihm vielmehr die kühnste Voraussetzung selbstbewußten Lebens birgt, jenes Grundgefühl, durch das wir jenseits alles Denkens und Begründens uns selber und die andern — die „Mitmenschen"— aus dem Bereich dinghaften Seins herauslösen und in eine eigene Sphäre pflanzen. Aller Streit um Freiheit und Determiniertheit des Willens ist schließlich nur der sichtbarste Exponent des Kampfes zwischen dieser ursprünglichen Aussage des menschlichen Ich und dem Monopolanspruch der „Wissenschaft", alles was ist, sich zu unterwerfen, alle Wirklichkeit unter ein Gesetz des Daseins zu zwingen. Und dieses Gesetz kann nur eine Satzung des Todes, eine Regel der Sache, aber keine Richtschnur des Lebens sein. Wenn aber das Dasein einer Gottheit verkündet und diese Gottheit mit Freiheit und Allmacht, mit Sohöpfungskraft und Wissen um sich selbst ausgestattet wird, ein Wesen, das selbstgenugsam, unabhängig und frei das Dasein einer vollkommenen Persönlichkeit führt, so wird hier ins Kosmische und Absolute projiziert, was als Postulat den Bestand des Menschen und seine menschliche Beziehung zu seinesgleichen erst ermöglicht In der Persönlichkeit des Schöpfers hat diejenige des Geschöpfes ihre Begründung und Gestalt gefunden; und die grauenvolle Isoliertheit des Ich, die Sinnlosigkeit seiner einsamen Existenz, für die es außerhalb ihrer Heimat auf weltverlorenem Planetenstäubchen nur Totes, nur Sachen gibt, wird überwunden durch die Idee von Gott, in der das Eigentümliche des Menschen Vorbild und Quelle hat. Dieser Gedanke erscheint der besonderen Beachtung wert In der Religion und ganz besonders in der, die ihre Gedanken und Willensantriebe aus dem Glauben an einen persönlichen Schöpfergott erfährt, gelangt das eigentlich menschliche Erlebnis des Menschen zur Vollendung; das ist aber jene innere Haltung, durch die er sich selber als Mittelpunkt der Wirklichkeit ergreift, als Form und Gehalt persönlichen Geistes, als lebendige und schöpferische Seele. Man möchte sagen, daß gerade in diesem Charakter, in der Tatsache, daß er Nicht-Sache ist, und in dieser Unterschiedenheit von allem Sachhaften seine Göttlichkeit beruht. Denn wir fühlen uns, sobald wir uns in dieser rein menschlichen Sphäre wissen, als die Täter unsrer Taten, als wahrhaft Bewirkende und Wirklichkeit Schaffende, als das ungeheure Wunder, daß wir anfangen und Neues gestalten können; wir fühlen uns als willensmächtig, und alle 136