Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 135 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsterblichkeit Von Max Wiener Heinrich Heines Wort, daß der Pantheismus ein verschämter Atheismus sei., kann in dieser Schroffheit gewiß weder vor dem Forum der Religionsphilosophie noch vor dem der Religionsgeschichte bestehen; schon darum nicht, weil der Pantheismus nicht bloß ein System bedeutet, sondern ebenso eine Fülle von Stimmungen und Gefühlen, die seinen gedankenhaften Sinn umschweben, Empfindungen, in denen oft die Gedanken recht „positiver" Religiosität, durchaus echter Frömmigkeit, eingebettet erscheinen. Und doch spricht sich in jener Äußerung des Mißtrauens instinktiv etwas Richtiges aus, nämlich ein sicheres Verständnis für die Grenzlinie, die Religion in ihrem eigentlichsten Wesen von all dem scheidet, was außerhalb ihres Bereiches liegt Dieser eigentliche Kern der in ihr enthaltenen Vorstellungen und Affekte wird nämlich von dem Gläubigen so erfahren oder vorausgesetzt, daß er, der Gläubige, als eine Persönlichkeit herausgehoben über alles, was nur Sache ist, sich Gott als einer Persönlichkeit gegenüber weiß, an die er „glaubt", wie man eben nur an eine Persönlichkeit glauben kann. Ob man ein Recht hat, Gedanken und Erlebnisse, die nicht auf einen solchen Gott orientiert sind, wie z. B. den Buddhismus oder manche mystische Spekulationen, Religion zu heißen, mag unerörtert bleiben: gewiß aber ist, daß die Persönlichkeit Gottes allen religiösen Anschauungen erst Halt und Farbe verleiht, daß sie in entscheidender Richtung die Hauptfragen bestimmt, ja erst ihrem Sinn nach verstehen lehrt: Offenbarung und Vorsehung, Anfang und Ziel des menschlichen Lebens, Schöpfung und Untergang, Sünde und Erlösung, Seele und Welt. Denn die Grundhaltung jüdischreligiöser Seelenhafligkeit, der zu selbstverantwortlicher Tat gestraffte Verwirklichungswille des Menschen, steht und fällt mit dieser Auffassung von Schöpfer und Geschöpf. 135