Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Kampf gegen Gräber
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 132 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wilhelm Michel die letzte Gemeinschaft bricht; nicht nur die heilige mit den Menschen, sondern auch die heiligste mit Gott. Und nun erleben wir, daß sich genau dieselbe Handlungen, die wir an andern so hart zu verdammen wußten, Woche für Woche in unserem eigenen Lande zutragen. Woche für Woche zieht in irgend einer deutschen Stadt oder Landgemeinde eine Schar deutscher Männer oder Jünglinge bei Nacht auf die Friedhöfe, stürzt die Grabsteine um, zerschlägt sie, besudelt die Gräber und schleicht sich wieder davon. Die Männer und Burschen, die diese feigen, verworfenen Handlungen begehen, sind nicht etwa lichtscheues, gesetzloses Gesindel. Sie halten sich für die Besten ihres Volkes, sie halten sich für Vorkämpfer des Deutschtums. Es sind ja jüdische Gräber, die sie zerstören. Zwar stehen auf ihren Steinen die ewigen Worte, die Gott und Mensch in schwerster Stunde zu tauschen pflegen. Aber sie sind in fremdartigen Schriftzeichen geschrieben, und deshalb halten sich diese deutschen Männer für befugt, sie zu beschmutzen. Deutsche Männer! Ruft ihr Handeln nicht den Schändern jener deutschen Soldatengräber im Ausland zu: „Seht, wir machen es gerade so wie ihr, also habt ihr recht getan?" Aber freilich, sie wissen nicht, was sie tun. Sie sind selber Opfer. Opfer einer Haßpredigt, die seit Jahren unser Land durchlärmt und die Anfälligen dazu verleitet, auch ihr letztes bißchen Menschentum dem Dämon in den Rachen zu werfen. Wie verhalten sich aber die übrigen Volksgenossen, deren klares Urteil über Grenzdinge des Menschentums noch nicht getrübt ist? Geht nicht eine Welle des Zornes, der AWehr durch unser Land? Regen sich die Kirchen nicht? Erheben die Zeitungen nicht ihre Stimme, einerlei wie sie politisch stehen mögen, und rufen die öffentliche Meinung auf gegen Taten, die ein gesittetes Volk unter keinen Umständen dulden darf? Gegen keinen Feind, unter keinem Deckmantel, in keinem Interesse und von keiner Seite? Es gibt mehr Ketten, als tolle Hunde, sagt ein Sprichwort. Wo sind di« Ketten für diese Bestien, die den deutschen Namen in der ganzen Welt entehren? Für die kein Holz schlecht genug ist, um ihnen als Schandpfahl zu dienen? Die politische Mordseuche, die Deutsche gegen Deutsche wüten 132