Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Die Juden in der Textilindustrie
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 101 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Juden in der Textilindustrie auf allen technisch-wirtschaftlichen Gebieten wie in den ästhetischen Angelegenheiten bis zu einem gewissen Grade mit Doch dieser Weg der Formgebung führt weder in Kunst, Literatur, Unterhaltung, Spiel usw. noch auf irgendeinem technischen Gebiete zu einer wirtschaftlich derart ausschlaggebenden Einwirkung wie im Textil- und Bekleidungsgewerbe. Die literarisch-ästhetisch maßgebende Oberschicht der neuesten Zeit ist also gewissermaßen zufällig auch der „Kopf" für die Bekleidungsindustrie geworden und ändert mit der Leichtigkeit einer Börsenbewegung ihre Tendenzen. Sie erfordert deshalb eine sehr reagibele Wirtschaftsorganisation. Eine solche fällt den jüdischen Firmen heute noch leichter als den christlichen, was aber nach d*r Jahrhunderte langen Erziehung des jüdischen Intellekts im Gegensatz zu der „standesmäßigen" Beschränkung innerhalb der christlichen Massen ganz natürlich erscheint und vielleicht im Laufe der Jahre ausgeglichen werden kann. Die gerade in unseren Jahren auffallende Verknüpfung von Geschmackskultur und Bekleidung besteht aber trotz der beiderseitigen starken jüdischen Beteiligung vorwiegend nur aus intellektuellen Momenten. Die neuen Strömungen werden besonders von jüdischen Wirtschaftskreisen angeregt Sonst sind aber Künstler, Schriftsteller einerseits und Konfektionäre andererseits durchaus nicht wirtschaftlich identisch. Das Textil- und Bekleidungsgewerbe hat finanziell nur ganz wenig mit dieser Oberschicht zu tun. Vielmehr sind die Ursachen, daß sich gerade im Textilgewerbe soviele jüdische Personen betätigen, vorwiegend geschichtlicher Natur. Die aus der Intellektualität resultierenden „Fusions"möglichkeiten von allgemeiner Ästhetik und „Bekleidungskunst" sind erst in der Moderne, und ziemlich unabhängig davon, entstanden. Die Herkunft des Textilienhandels aus dem Orient weist die grundlegenden Beziehungen der Südostvölker zu dieser Branche auf. Bereits vor Jahrtausenden bestand ein Textilhandelsverkehr in Ägypten, Babylon und Phönizien. Bis ins Mittelalter blühte der byzantinische Handel, in den auch Deutschland einbezogen wurde. Konstantinopel lieferte beispielsweise (neben Metall- und Mosaikarbeiten für die neu entstehenden Kirchen Mitteleuropas und Englands) Seidengewebe und erhielt dafür Pelze, Leder, englische Wolle, Wollte webe vom Niederrhein, Leinen vom Bodensee, Waid- und Krappfarbe usw. Wie weit dieser Handel von den heimatlos gewordenen Juden betrieben worden ist, die notgedrungen nach Erwerbsmöglichkeiten suchten, ist in den einschlägigen Quellensammlungen nur selten angedeutet Jedenfalls waren 101