Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 82 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Goldstein im Gebiete der weltlichen Kultur niemandem zusteht Eine solche Autorität maßt sich aber an, wer Max Liebermann oder den Halbjuden Hans v. Maree im Namen deutscher Art bekämpft, wer die Leistungen Hermann Cohens oder Simmeis herabsetzt, nicht weil sie ihm philosophisch unzulänglich dünken, sondern weil sie nicht die erklügelten Bedingungen deutscher Art erfüllen. Wie undeutsch fühlte doch ein Mann wie Schelling, der über Spinoza schrieb: „Durch Sinn und Verständnis gehört Spinoza den Deutschen an, den französische und englische Atheisten für ihresgleichen gehalten, und dessen Lehre mit geringen Ausnahmen einem verschlossenen Buche glich vor der Eröffnung seines Sinnes durch die deutschen Männer Lessing und Jacoby." („Über das Wesen deutscher Wissenschaft") Nach völkischer Auffassung hätten Lessing, Jacoby und Schelling damit die Sünde wider das deutsche Volkstum begangen, denn sie haben die deutsche Art — oder hat es sie damals noch nicht gegeben? — in artfremde Bahnen gezwängt Diese Männer aber hatten den weltoffenen Geist, der sich nicht mit der „mitgebrachten Natur" begnügte. Sie waren sich der Fehler und Unzulänglichkeiten dieser mitgebrachten Natur bewußt und waren stolz darauf, daß deutsche Kultur den Reichtum der Geistesschöpfungen vieler Völker in sich aufgenommen hat So schreibt Ernst Moritz Arndt, gewiß ein unverdächtiger Vertreter des Volkstums, in seiner Völkergeschichte Seite 117: „Ich habe oben erklärt, wie hoch ich in Anschlag bringe, daß wir Deutsche und überhaupt alle Europäer unsere Geschichten und Denkmäler nicht bloß von anno 1, von Arminias und Teutoburger Walde und von den} einfältigen rohen Waldsitten unserer Altvorderen herdatieren, daß Babylon, Persepolis, Ninive, Jerusalem, Memphis, Athen und Rom ihre Bücher, ihre Bilder, ihre Gräber, auch unsere Denkmäler, auch unsere Heiligtümer und gleichsam unsere Vorfahren geworden sind." Man könnte Seiten füllen, wollte man die Äußerungen zusammenstellen, in denen die schöpferischen Persönlichkeiten des deutschen Geisteslebens sich dagegen ausgesprochen haben, daß jedes Volkstum nur aus sich selbst alles Große und Schöne hervorgebracht habe und hervorbringen müsse. Für Wissenschaft und Philosophie dürften nur die hoffnungslos Bornierten unter den Völkischen anderer Meinung sein.1) Hierzu hat Schopenhauer, wenn auch mit einer etwas übersteigerten Daß es solche auch schon im 18. Jahrhundert gegeben hat, dafür dürfte jener Professor der Philosophie in Frankfurt an der Oder ein Beispiel sein, dem Friedrich der Große das Studium des englischen Philosophen Locke empfahl, und der das ablehnte mit der Be- 82