Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 79 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Irrtümer der Völkischen die unterschieden sind von den Zügen, die die Werke der Menschen eines anderen Volkes tragen, folgert man fälschlicherweise, daß die geistigen Schöpfungen nur Produkte des Volkstums sind.1) Es ist der gleiche Irrtum, den die ökonomische Geschichtsauffassung begeht Weil die geistigen Produktionen mitbestimmt sind und mitbedingt sind von den ökonomischen Produktionsverhältnissen einer Epoche, folgert die ökonomische Geschichtsauffassung, daß alles Geistige bloße Widerspiegelung ökonomischer Produktionsverhältnisse ist Aber die völkische Geschichtsauffassung geht noch einen Schritt weiter. Sie behauptet nicht nur, daß es so . ist, sie verlangt auch, es solle so sein. Sie nimmt dem Geiste die Eigengesetzlichkeit, sie macht ihn zu einer Funktion des Volkstums. Es wird nicht mehr gefragt: Ist diese Philosophie, diese Religion wahr, sondern entspricht sie dem jeweiligen Volkstum? Für das deutsche Volk muß alles deutsch, für das französische alles französisch sein. Früher fragte man, ist es wahr, — dann soll es auch für uns Deutsche gelten. Jetzt fragt man zuerst: Ist es deutsch, dann ist es auch für uns wahr. Es liegt hier eine Erkrankung des Wahrheitsgewissens vor, hervorgerufen durch die Übersteigerung eines einzigen Wertes: des Volkstums. Solches konnte erst als Folge des Naturalismus geschehen, der den Geist zum Ausdruck irgendwelcher ungeistigen Kräfte gemacht hat Es wirkt sich hier die religiöse Erschütterung des 19. Jahrhunderts aus. In dem Übergang von Hegel zu Feuerbach scheint das Verhängnis beschlossen zu sein. Nachdem Feuerbach Gott zum Produkt des Menschen gemacht hatte, war für die Vergötzung alles Menschlichen, also auch des Volkes, die Bahn frei- Der Geist wurde zum Spielball der jeweils vorherrschenden Werte. Nietzsche hat dieser Wandlung die paradoxe Zuspitzung gegeben: „Gott liebt uns, weil er uns erschuf! — „Der Mensch schuf Gott!" — sagt drauf ihr Feinen. Und soll nicht lieben, was erschuf? Sollt's gar, weil er es schuf, verneinen? Das hinkt, das trägt des Teufels Huf!" Man hat sich aller Wahl und Qual des Wahrheitssuchen begeben, man hat den Unterschied von Natur und Geist aufgehoben zugunsten der Natur. Wenn der Geist keine selbständige Realität mehr ist und ihm nicht mehr die Aufgabe . V) Vergleiche hierzu die gedankenreichen Ausführungen von Kurt Breysig: Vom geschichtlichen Werden, Bd. I, p. x52—154 (Stuttgart und Berlin if)a5). 79