Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 78 (sequence 11)
- Language
- German
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Julius Goldstein emster Selbstprüfung zu finden. Niemand darf seine Art des Ausgleiches als die allein richtige und gerechte dem andern aufdrängen und verletzend vorschreiben wollen. Jeder ist auf eine durchaus einzigartige Weise in die Spannungen der verschiedenen Verbände verflochten, ein Katholik anders als ein Protestant, ein religiöser Jude anders als ein sozialistischer Freidenker. Alle Vergiftungen des politischen Lebens haben aber in der Verkennung dieses Tatbestandes ihren Grund. Weil der gläubige Katholik dem übernationalen kirchlichen Verband tiefer und bestimmender eingefügt ist als der Protestant, hält ihn dieser für einen zweifelhaften Patrioten. Der protestantische Theologe de Wette hat noch 1827 in seinen „Vorlesungen über die Religion" die Herrnhuter des mangelnden Gemeinsinnes gegen den Staat beschuldigt „Ein Herrnhuter ist mehr Weltbürger als Staatsbürger. Er ist Mitglied einer Verbrüderung, welche sich über fast alle Teile der Erde erstreckt und an keinen Staat und kein Volk gebunden ist; und wenn er ganz vom Geiste seiner Sekte durchdrungen ist, so kann er von keinem lebendigen Gemeinsinn für den Staat, in welchem er lebt, beseelt sein." — Diese Sätze werden fast wörtlich heute gegen die Juden verwendet, und doch sind sie für diese genau so wenig zutreffend, wie für die Herrnhuter. Der deutsche Jude ist anders als der deutsche Protestant in das deutsche Volkstum verflochten, mehr geistmäßig als blutmäßig. Anders, aber deshalb nicht weniger dringend und fordernd, stellt sich ihm daher die Aufgabe, den Pflichten gerecht zu werden, die seine Zugehörigkeit zum deutschen Volkstum ihm auferlegen. Die Völkischen, die Jakobiner des Volkstums, entwerten alle sozialen Realitäten, die sich nicht mit dem Volkstum decken. Man läßt diese sozialen Realitäten, man läßt Religion und Philosophie, Kunst und Wissenschaft nur so weit gelten, als sie dem Volkstum dienen und von ihm aus bestimmt werden. Damit ist das Volkstum zum letzten Wert über alle andern emporgehoben; es ist zum Götzen geworden, dem alles nur als Mittel zu dienen hat, während das Geheimnis des geschichtlichen Lebens gerade darin besteht, daß sich alle Dinge und Beziehungen stetig durchdringen und alles zugleich Mittel und Selbstzweck, Ziel und Durchgangspunkt ist In dem obgedachten Verhalten der Völkischen wirkt sich ein Irrtum aus, den ich geradezu als das Verhängnis der Gegenwart bezeichnen möchte. Dieses Verhängnis stammt aus einer irrigen Auffassung vom Verhältnis der geistigen Schöpfung zum Volkstum. Weil die historische Untersuchimg gezeigt hat, daß alle geistigen Äußerungsformen der Menschen eines Volkes Züge aufweisen, 78