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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 77

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1927-04-01
Page
77 (sequence 10)
Language
German
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Irrtümer der Völkischen Gemeingeistes, der alle Lebenstätigkeiten der Persönlichkeit gleichmäßig durchdringt Seit den Zeiten der Stammesgebundenheit ist aber solches nie geschehen. Es hat nie einen Gemeingeist gegeben, der, ausschließlich, alle Menschen eines Volkes in Politik und Religion, in Kunst und Weltanschauung einheitlich umfaßt Troeltsch nennt die monistische Auffassung des Gemeingeistes einen phantastischen Irrtum. Der Volksgeist war immer zerrissen und überkreuzt von deu verschiedenen Gemeingeistern der Klasse, des Standes, der wirtschaftlichen, politischen und geistigen Verbände. Es hat immer nur Gemeingeister von Gruppen, Stämmen, Berufen, Klassen, Schulen oder Sekten gegeben, und immer hat es zwischen ihnen Spannungen und Konflikte gegeben. Der Mensch gehört immer gleichzeitig einer Vielfalt von Verbandsformen an, engeren und weiteren, über- und untergeordneten, von der Familie, Stand, Klasse, Kirche, Partei, Nation bis zum abendländischen Kulturkreis und der Menschheit Jede dieser Gruppen hat ein eigenes Ethos und wie die verschiedenen Gemeingeister sich harmonisch zusammenfügen, das ist die eigentliche Aufgabe der sittlichen Persönlichkeit Die Volksgemeinschaft, von der die Völkischen träumen, gleicht allzusehr der blauen Blume der Romantik. In jeder höheren Kultur lebt der Mensch gleichzeitig innerhalb einer Vielfalt von Verbandsformen, deren innere Gesetze zu harmonischem Ausgleich zu bringen nur das Ganze der Menschheitsgeschichte vollziehen kann. Dazu gehört auch, dem Volkstum als sittlichem Wert zu geben, was ihm gebührt Das Volkstum als eine Lebensgemeinschaft hat die natürliche Tendenz, alles andre in sich einzubeziehen und von sich aus zu gestalten. Das darf aber nicht so geschehen, daß es andre über- oder nebengeordnete Wertgemeinschaften entwertet oder verneint, so wenig wie diese andren Wertgemeinschaften an der Existenz des Volkstums vorbeigehen dürfen und ihre Vollendung ohne Einbeziehung des Volkstums anstreben dürfen. Die Aufgabe wird für jeden verschieden sein, je nach der Art, wie er in die verschiedenen Verbandsformen verflochten ist Ein Mensch, den die Verbandsform der Klasse oder des Standes sittlich tief berührt — etwa der Arbeiter oder der Offizier — wird die sittliche Aufgabe gegenüber dem Volkstum anders zu lösen haben, als etwa ein Mensch, den die religiöse Verbandsform in seinem Lebensgefühl entscheidend bestimmt Jeder dieser Typen wird den Pflichten gegen sein Volkstum nachkommen, wenn auch jeder in seiner besonderen Weise. Die Treue zu dem einen Verband hebt nicht die Treue zum andern auf — den Ausgleich hat jeder vor seinem Gewissen in 77

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