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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 76

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1927-04-01
Page
76 (sequence 9)
Language
German
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Julius Goldstein Die Vergangenheit erscheint als eitel Harmonie und Einheit, weil man nur die voll—endeten Werke sieht, aber nicht mehr das Ringen und Kämpfen der mit einander streitenden Persönlichkeiten. Für die Weltgeschichte, die aus der Kraft des persönlichen Geistes bewegt wird, gilt stets das Wort Hegels: „So ist der Geist in ihm selbst sich entgegen; er hat sich selbst als das wahre feindselige Hindernis seiner selbst zu überwinden; die Entwicklung, die in der Natur ein ruhiges Hervorgehen ist, ist im Geiste ein harter, unendlicher Kampf gegen sich selbst" — So war es, so ist es, so wird es immer sein. Nie hat es eine Zeit gegeben, in der nicht die Menschenwelt zerrissen war vom Kampf und Gegensatz der Ideen und Werte. Es hat wohl Epochen gegeben, die das historische Glück genossen, eine größere Einheitlichkeit der Kulturwerte zu besitzen als wir Menschen des 20. Jahrhunderts; aber man stritt dann um kleinere Unterschiede ebenso heftig und ebenso bitter, wie wir heute um letzte Prinzipien. Daß sich dies im Zeitalter der Presse, des Parlamentarismus, der ungehemmten Bücherproduktion und der Massen deutlicher und aufdringlicher vollzieht als in den verkehrsarmen Frühzeiten, ändert an der Sache selbst nichts. Jedes Zeitalter hat sich selbst mehr oder minder als anarchisch empfunden im verklärenden Rückblick auf die Vergangenheit Die führenden Persönlichkeiten haben sich niemals als Ausdruck eines einheitlichen Volkstums gefühlt; sie waren sich ihrer Spannungen gegeneinander und gegen das Volkstum stets schmerzlich bewußt Es gibt dafür ein eindrucksvolles Beispiel in dem Schriftwechsel Schillers mit Fichte. Gelegentlich einer literarischen Meinungsverschiedenheit schreibt Schiller an Fichte: „Es ist ein trauriges Naturgesetz, daß selbst unter Zeitgenossen, die in dem Jahrhundert, worin sie leben, eine eigene Familie formen sollten und könnten, eine so enorme Differenz und ein so unauflöslicher Streit obwaltet, daß das Eigentümliche immer isoliert bleibt; daß dieses selbst unter den Philosophen, die von der wahren Schätzung der Dinge Profession machen sollten, gerade am meisten sattfindet Wir haben in einer Zeit gelebt, und die Nachwelt wird uns als Zeitgenossen zu Nachbarn machen, aber wie wenig haben wir uns vereinigt!" (Fichtes Leben und literarischer Briefwechsel, II. Band, herausgegeben von L H. Fichte, 1862, p. 390.) An spannungslose Einheit des Volkstums kann nur glauben, wer die soziologische Struktur des Verhältnisses von Individuum und Volk verkennt Die Völkischen halten das Volkstum für eine Macht, die alle Lebensäußerungen des Menschen bis ins Letzte bestimmt Sie glauben an die Herrschaft eines 76

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