Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 75 (sequence 8)
- Language
- German
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Irrtümer der Völkischen IL Aber vielleicht verbirgt sich hinter den völkischen Theorien ein heimliches Ideal? Die Sehnsucht nach einer Volksgemeinschaft, die, nur von einem Geiste beseelt, aller Spannungen und Gegensätze ledig ist Ein Ziel, aufs innigste zu wünschen! Ein sittliches Ziel, das anzustreben des Schweißes der Edlen wert ist, ob es auch schwache Menschlichkeit in der Mühsal des Tages immer nur als Aufgabe spornen kann. Das genügt aber den Völkischen nicht Für sie ist Volksgemeinschaft schon Besitz, wodurch sie dem Volkstum sein Bestes nehmen: die Aufgabe, immer tiefere sittliche Einheit zu stiften zwischen den Volksgenossen. Sie glauben dem Ideal einer Volksgemeinschaft, die auf dem Gleichklang der Herzen aufgebaut sein soll, schon nahe zu kommen, wenn sie die Juden ausschließen. Sie gehen dabei von der Voraussetzung aus, alle nicht jüdischen Deutschen seien seelisch gleich geartet Das Unzutreffende dieser Voraussetzung habe ich im Voraufgehenden und in den früheren Aufsätzen zur Genüge gezeigt Der Forderung auf Ausschluß der Juden liegt aber noch eine weitere Voraussetzung zugrunde. Die Völkischen wähnen, die ersehnte Volksgemeinschaft habe in früheren Zeiten bestanden, als die Juden abseits lebten und ohne Einfluß auf das deutsche Volkstum waren. Erst die Judenemanzipation habe den gegenwärtigen anarchischen Zustand der Kultur herbeigeführt Ist ein solches weltgeschichtliches Schicksal auf die Einwirkung einer Gruppe zurückzuführen? Die Frage stellen, heißt schon, die verneinende Antwort darauf geben. Es gehört ein erstaunliches Maß von Borniertheit dazu, den Verfall der abendländischen Kultur — denn um einen solchen handelt es sich — mit einem antisemitischen Argument erklären zu wollen. Man hat hier, wie so oft bei der Erörterung antisemitischer Behauptungen, den Eindruck, als ob alle Ergebnisse historischer Forschung für die Parteifanatiker des Judenhasses einfach nicht existierten. Und hat es denn überhaupt jemals ein solches goldenes Zeitalter einheitlichen Volkstums gegeben? Sollte nicht hier dem Ernst des Schwärmers der Blick des Weltmannes fehlen? Und verhindern nur die Juden mit ihrer anderen seelischen Zuständlichkeit, daß dieses goldene Zeitalter wieder erscheine? Es hat nie ein Zeitalter gegeben, dem der Kampf spannungsvoller Gegensätze erspart geblieben ist Wer die Vergangenheit anders sieht, unterliegt einer optischen Illusion. 75