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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 74

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1927-04-01
Page
74 (sequence 7)
Language
German
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J ulius Goldstein Gruppe, geformt von den wechselnden Antrieben der Tageswirklichkeit Partei scheidet, stößt zurück, richtet Schranken auf, überwältigt durch Zahlen. Partei ist Kampf und Gegensatz und wenn sie von deutscher Einigkeit spricht, dann meint sie immer: Seid einig mit mir! Wenn eine Partei den Namen deutsch, den Namen national, den Namen Volk annimmt, zerstört sie damit nicht die Rangordnung der Werte? Über allen Parteien steht das Vaterland, das Volk, das Deutschtum: So sprechen alle Parteien, und widersprechen sich im gleichen Augenblick, wenn sie sich selbst deutsch, national oder völkisch nennen. Goethe hat einmal gesagt: Der Deutsche möge das Wort Gemüt dreißig Jahre lang nicht in den Mund nehmen. Die „deutschen" Parteien haben das Wort deutsch zu abgegriffener Münze gemacht, sie haben ihm die Keuschheit und die Unschuld genommen.1) Wenn die Völkischen ihren Antisemitismus damit zu begründen suchen, daß alle Deutschen die gleiche seelische Zuständlichkeit und den gleichen seelischen Ausdruck besitzen, so verwechseln sie die deutsche Volkswirklichkeit mit dem völkischen Wahn. Die Volkswirklichkeit mit ihren so verschiedenen Stämmen, ihren protestantischen und katholischen Glaubens¬ und Kulturformen, ihrer weltanschaulichen klassenhaften und politischen Zerrissenheit, diese Volkswirklichkeit, die zu schaffen schwer und zu erhalten fast noch schwerer war, zeigt wohl in Wesen und Handeln eine durch Schicksal und Zusammenleben hervorgebrachte Gemeinsamkeit, aber nicht jene uniformierte Seelengleichheit, auf Grund deren man eine Bevölkerungsgruppe wie die Juden als fremd betrachten darf. — x) Die verschwenderische Benutzung des Wortes „deutsch" hat schon früh im 19. Jahrhundert begonnen. Julius Fröbel hat im 1. Bande seines Werkes „Kleine politische Schriften" in dem Aufsatz „Die deutsche Auswanderung und ihre nationale und kulturhistorische Bedeutung" vom Jahre i858 die folgende Klage darüber ausgestoßen: „Welches Volk hat wie das deutsche das Beiwort immer im Munde, welches seinen eignen Charakter bezeichnet? „Deutsche Kraft", „Deutsche Treue", „Deutsche Liebe", „Deutscher Gesang", „Deutscher Wein", „Deutsche Tiefe", „Deutscher Ernst", „Deutsche Gründlichkeit", „Deutscher Fleiß", „Deutsche Frauen", „Deutsche Jungfrauen", „Deutsche Männer", — welches Volk braucht solche Bezeichnungen außer das deutsche? — Aber noch mehr, auf Zeitschriften und Büchern, die in Deutschland in deutscher Sprache mit deutschen Lettern gedruckt werden, erscheint nicht selten noch das „deutsch" besonders in den Titel aufgenommen, und man kennt eine „Deutsche Vüerteljahrsschrift", „Deutsche Monatshefte", „Deutsche Jahrbücher", eine „Deutsche Zeitung'" usw. Der Deutsche verlangt von sich ganz extra, daß er deutsch sein soll, als ob es ihm freistünde, aus seiner Haut zu fahren, — grad wie er von seinen Männern verlangt „männlich", von seinen Weibern „weiblich", von seinen Kindern „kindlich", von seinen Jungfrauen „jungfräulich" zu sein. Der deutsche Geist steht gewissermaßen immer vor dem Spiegel und betrachtet sich selbst. Und hat er sich hundertmal gesehen und von seinen Vollkommenheiten überzeugt, so treibt ihn ein geheimer Zweifel, in welchem das innerste Geheimnis der Eitelkeit beruht, abermals davor." 74

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