Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 72 (sequence 5)
- Language
- German
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Julius Goldstein Je mehr aber, nach, völkischer Auffassung, die Menschen eines Volkstums untereinander gleich sind, umso mehr wird die Fremdheit gegenüber den Angehörigen eines andern Volkstums betont Mit der stärksten Homogeneität nach innen verbindet sich stärkste Heterogeneität nach außen. Die Völkischen sind beherrscht von einer mimosenhaften Empfindlichkeit gegenüber ailem, was nicht gleichen Geistes ist; eine fast krankhafte Angst, ihre Art könne Schaden nehmen, läßt sie nicht zur Ruhe kommen. Man will immer nur sein eigenes Wesen im andern bestätigt finden. Der völkische Mensch ist nur stark, wenn er nicht allein steht, wenn er um sich nur Spiegelbilder seines eignen Wesens erblickt Frühere Generationen, die weltoffen in souveränem Kraftgefühl die bunte Verschiedenheit mannigfaltig geformter Lebenstypen zu meistern sich getrauten, empfanden diese Gleichartigkeit der Seelen als peinlich und verarmend. „Wären die Menschen im Innern wie in den Gesichtern verschieden: In das reizendste Spiel löste das Leben sich auf. Aber, da malt sich die Welt auf gleiche Weise in allen, Und der Wahnsinn kaum macht sie noch originell." (Hebbel.) Die Unlust, die Hebbel darüber empfindet, daß die Welt auf gleiche Weise in allen sich malt, empfinden die Völkischen als höchste Lust „Gleiche seelische Zuständlichkeit und gleicher seelischer Ausdruck" — so ist nach ihnen das deutsche Volk von 60 Millionen Menschen beschaffen. Das gilt nicht als ein Fluch, der auf dem deutschen Volke lastet, als ein Fluch geistesleerer Banalität, es gilt als ein hohes Glück, das gehegt und geschützt werden muß vor seelisch anders gearteten Menschen: den Juden. Sie fügen sich nicht in das völkische Schema des „reinen Deutschtums" ein; sie bergen in ihren Seelen noch die Schmerzen der Jahrtausende; sie glühen noch von den Worten der Propheten — und ob sie gleich auch ergriffen sind von der Liebe zu deutschem Geiste, ihre Liebe ist anders als die der Völkischen: daher dürfen sie nicht deutsche Lieder dichten, dürfen sie nicht neue Gedanken dem Schatze deutscher Philosophie zuführen, dürfen sie nicht mit neuen Farben und Klängen und die Deutschen unterscheiden sich in den Äußerungen des unmittelbaren Lebens, auch wenn die Begriffe dieselben sind, doch in Bezug auf das Seelische. Sowohl die seelische Zuständlichkeit wie der ßeeKsche Ausdruck ist nachweisbar verschieden. Darf man es einem Volke, das in Jahrhunderten eine bestimmte innere Gesetzmäßigkeit, eine Art gewonnen hat, verübeln, wenn es seine politischen und kulturischen Schicksale nicht von seelisch andersartigen Menschen in artfremde Bahnen will zwingen lassen?" 72