Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 70 (sequence 3)
- Language
- German
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Julius Goldstein wird schließlich, physiologisch gedeutet, weil man glaubt, der gleichen Rasse entspreche auch ein gleicher Geist Rasse wird zum entscheidenden Merkmal der Nation. Für die Juden werden daraus Rechtsminderungen gefordert Nachdem sich aber die Einheit der Rasse als trügerisch erwiesen hatte, und man daher den Glauben an die seelische Gleichheit der Angehörigen einer Nation nicht mehr auf Rasse gründen konnte — ob zwar auch dieser Glaube immer noch fortwuchert —, versuchte man diesen Glauben mit dem Begriff des Volkstums neu zu stützen. An sich liegt in dem Volkstum nichts, was sich antisemitisch verwenden ließe. Das deutsche Volkstum ist im Laufe der Jahrhunderte aus den allerverschiedensten Gruppen, Stammen und Volkssplittern zusammengewachsen; es hat Slaven und Südfranzosen, Italiener und Ungarn, Spanier und Türken in sich aufgenommen; es hat griechische und römische, italienische, französische und englische Kulturkräfte, es hat Altes und Neues Testament in sich verarbeitet — weshalb sollte es nicht auch einige Hunderttausend Juden in sich aufnehmen können, Menschen, deren Vorfahren seit Generationen im Lande wohnen, deren Muttersprache und Kulturwelt deutsch ist und deren opferfreudige Liebe Deutschland gehört Wenn der Begriff des deutschen Volkstums heute zur Begründung des Antisemitismus verwendet wird, so handelt es sich um eine engvölkische Auffassung, die aus einer natürlichen Gegebenheit und einer sittlichen Aufgabe ein Parteiprogramm gemacht hat Darüber sei im folgenden einiges gesagt — Wie man aus den Taten eines Menschen seinen Charakter zu erschließen sucht, und wie man diesen Charakter dann wieder zur Erklärung seiner Taten verwendet, so haben die Dichter und Denker der Romantik, anhebend mit Herder, versucht, in den Taten, Werken und Schicksalen eines Volkes eine sich verhältnismäßig gleichbleibende Art zu entdecken unternommen: Das Volkstum, als welches dann wieder zur Erklärung und zum Verständnis dieser selben Taten, Werke und Schicksale benutzt wird. Es wäre eine reizvolle Arbeit — sie ist noch nicht unternommen worden —, wollte man feststellen, wie verschieden die Wesenszüge des deutschen Volkstums bestimmt worden sind; sie sind anders bei Herder und Schlegel, bei Arndt und Hegel, anders bei Krause und Jahn. Hier zeigt sich schon wie schwierig es ist, das Wesen des deutschen Volkstums zu erfassen: die Urteile gehen weit auseinander. Welche Züge aber auch immer in das Bild des Volkstums aufgenommen werden, stets gelten sie als nur diesem Volke eigentümlich, 70