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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 69

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1927-04-01
Page
69 (sequence 2)
Language
German
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Julius Goldstein: Irrtümer der Völkischen Im Jahre i852 hielt Julius Stahl im evangelischen Verein für kirchliche Zwecke einen Vortrag: „Was ist Revolution?" Als Führer der preußischen Junkerpartei gibt er dazu folgende Erklärung: „Revolution bedeutet die bestimmte politische Lehre, welche seit 1789 als eine weltbewegende Macht die Denkart der Völker erfüllt und die Einrichtungen des öffentlichen Lebens bestimmt Fragt man aber nach ihrem Begriff und Wesen, so ist es dies: Revolution ist die Gründung des ganzen öffentlichen Zustandes auf den Willen des Menschen statt auf Gottes Ordnung und Fügung: daß alle Obrigkeit und Gewalt nicht von Gott sei, sondern von den Menschen, vom Volke." Unter den revolutionären Forderungen, die sich daraus ergeben, befindet sich nun auch die folgendet „Die Revolution fordert endlich eine neue Verteilung der Staaten nach den Nationalitäten wider das Völkerrecht: daß alle Deutschen einen Staat bilden für sich, und alle Polen einen für sich, und alle Italiener einen für sich usw. und daß alle Verträge und Herrscherrechte, die dem entgegenstehen, vernichtet seien." Die Geschichte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart ist der Versuch, diese revolutionäre Forderung in die Wirklichkeit umzusetzen. Ob er gelingen kann, ob er gelingen soll, ist die Schicksalsfrage Europas. Nirgends fällt bisher Staat und Nation völlig zusammen. Jeder Nationalstaat schließt Menschen anderer Nationalität ein — Frankreich Basken und Bretonen, Italien Slowenen und Deutsche, Deutschland Polen und Wenden. Es liegt aber in der nationalen Idee ein Gruppierungsmotiv, das ein Maximum von Homogeneität anstrebt Für diese Homogeneität genügte anfangs die Gleichheit der Sprache und des politischen Willens. Sprachgleichheit wurde zuerst in Frankreich, dem Geburtslande der nationalen Idee, mit staatlichen Zwangsmitteln durchzuführen versucht1), ein Vorgang, den später in verhängnisvoller Weise die meisten europäischen Nationalstaaten nachahmten. Die Menschen einer Nation mehr und mehr einander seelisch gleichzumachen, dazu dienten und dienen Militär, Presse und Schule. — Der Glaube, gleicher Abstammung zu sein, wirkt von vorneherein als nationalbildende Kraft Dieser Glaube, anfangs naiv und nebenhergehend, wird bei steigender Bewertung naturhafter Bindungen immer schärfer betont und mit den Mitteln einer den Tatsachen weit vorauseilenden Wissenschaft zum Gegenstand liebevoller Pflege gemacht Einheit und Gleichheit der Nation x) Arnold van Gennep, Trait6 comparatif des Nationalites, vol. I, p. 72. 69

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