Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Ein Versuch analytischer Darstellung der Träume und der Träumer in den Büchern des Alten Testaments
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 65 (sequence 9)
- Language
- German
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und der Träumer in den Büchern des Alten Testaments Der Traum ist also nicht nur eine Schar loser Vorstellungen, die durch die Vernunft unbeaufsichtigt im Schlaf ihr buntes Spiel treiben; er erfüllt vielmehr die hohe Aufgabe, einen lindernden Ausgleich zwischen Innen und Außen zu schaffen und wenigstens für die kurze Ewigkeit des Schlafes die Brücke über den Abgrund zu schlagen, der zwischen Persönlichkeit und Schicksal klafft Jesaia bedeutet mit seiner psychologischen Auffassung einen Gipfel, der innerhalb seiner Gruppe nicht überragt wird. Aber wie der Wert einer wissenschaftlichen Forschung nicht einzig im Vorwärtsstürmen sondern mindestens ebenso bündig sich in hemmendem Beschränken beweist, so zeigt sich die seelenkundliche Meisterschaft der . Bibel in gleichem Maße in Jesaias trefflichen Beobachtungen, wie in Jeremias kritischer Beurteilung des Traumes. Er warnt davor, jeder Traumerzählung ohne weiteres zu trauen- Gerade als etwas Hochwertiges unterliegt der Traum der Gefahr der Fälschung. Es wird viele Lügner und trügerische Propheten geben, die ganz bewußt damit Falschmünzerei treiben. Weil der Traum wie kein anderes Erlebnis dem Einzelnen gehört, steht und fällt sein Deutungswert mit dem gegenseitigen Vertrauen und Glauben. Wenn auch in der modernen Traumdeutung der mantische Gedanke in den Hintergrund getreten ist, notorisch böswillige Lügenerzählungen von Träumen zwecks absichtlicher Irreführung als Gefahr nicht mehr in Betracht kommen, so können auch wir Jeremias Rat zu kritischem Mißtrauen wohl beherzigen. Nicht jeder, der einen Traum anders berichtet als er ihn träumte, ist ein Lügner; labil wie die Materie ist, verändert sie sich gleichsam zwischen den Lippen des Erzählenden. Es entstehen Zusätze, Kunstprodukte, die der formalen Logik der Traumfabel oft mehr dienen als ihrer Prägnanz. Wer daher Träume erforschen will, verfahre mit Vorsicht; und wer da hofft, für seiner Hände Werk und seine Stellung zum tätigen Leben bindende Versprechen oder Leitsätze zu erträumen, der geht auf schwankem Boden. Der Traum eilt schnell dahin, ist etwas Unstetes, für die in festem Willen wirkende Seele sogar Hinderliches. Wir kehren von unserm Umblick im didaktischen Teil der Bibel zum historischen zurück und betrachten als erhabensten Meister traumpsychologischen Erkennens Daniel. Der König Nebukadnezar hat einen schweren Traum, den keiner seiner Weisen zu deuten vermag. Da läßt sich Daniel vor den König führen. Nebukadnezar, der von der Hilflosigkeit seiner Traumdeuter enttäuscht ist, stellt ihn vor eine Aufgabe, die in der Geschichte der Traumdeutung als unerhört gelten kann, Daniel soll des Königs Traum zunächst 65