Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Ein Versuch analytischer Darstellung der Träume und der Träumer in den Büchern des Alten Testaments
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 64 (sequence 8)
- Language
- German
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Berndt Götz: Ein Versuch analytischer Darstellung der Träume des Düster-Heroischen ist eine Meisterschöpfung der Bibel. Personen, Sprache und Handlung sind tragischen Geistes voll. Die Wahrsagerin, die ihres Gewerbes wegen sich vor dem König fürchtet, Saul, dem alles fehlschlug, und der seinen eigenen Geboten zuwider sich hilfesuchend an eine Zauberin wendet, und endlich Samuels Geist, der in Saul noch einmal zum Leben und zum Richleramt erwacht Aus der Geschichte Sauls erfahren wir, daß der Traum als himmlisches Geschenk besonders für Herrscher und Könige galt, die auf diesem Wege von Gott beraten und gefördert wurden. Ein König, dem Gott seherische Träume versagte, galt als unwürdig und verlor das Zutrauen zu seiner Stellung als Herrscher. Bei Saul schwieg das Schicksal, bis es durch Vermittlung der Hexe in düsterer Höhle sich zum Unheil kundtat Bei Salomo, dem lichten Liebling Gottes und der Menschen, treffen wir andere Zeiten und anderes Ritual: auch er möchte gern von Gott in seinem königlichen Bewußtsein gestärkt werden. Darum zieht er in glücklicher Gehobenheit hin zu den Höhen von Gibeon, wo die Altäre stehen, bringt Ganzopfer dar und feiert ein Fest unter Gottes freiem Himmel. Dann legt er sich zur Katakoimesis, zum Tempelschlafe, nieder, seinen Wunschtraum erwartend. Wieder eine Szene, die nicht weniger als Sauls Totengespräch klassischen Geist atmet Salomo erwacht gestärkt und zieht gefestigten Sinnes hinab in seine Hauptstadt, wo er als weiser Richter Recht spricht Die epischen Bibelbücher der Richter und der Könige schildern uns den Traun: in novellistischer Behandlung. Wir werden also an Hand von Einzelfällen mit der Anschauungsweise der damaligen Zeit bekannt gemacht Die didaktischen Schriften der Propheten übermitteln uns direkte psychologische Maximen und Parerga über Träume und Träumer und geben beredtes Zeugnis vom seelenkundlichen Wissen der Alten. Jesaia bezeichnet als sehr bedeutsam die Tatsache, daß ein Hungriger oft im Traume ißt, ein Durstiger trinkt und erwachend sich an Leib und Seele schwach und kraftlos fühlt Damit vertritt Jesaia ganz moderne Auffassungen nach zwei Richtungen hin; einmal gilt für ihn als erwiesen, daß körperliche Zustände oft die Quelle des Traumes, also eines psychischen Phänomens, bilden; er bezeigt damit sehr geläuterte Vorstellungen von Wechselbeziehungen zwischen Körper und Psyche. Dann aber stellt er den Traum als aktive seelische Leistung hin, die stellvertretend für versagte Wirklichkeit sich einsetzt 64