Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Ein Versuch analytischer Darstellung der Träume und der Träumer in den Büchern des Alten Testaments
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 66 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Berndt Götz: Ein Versuch analytischer Darstellung der Träume gedankenlesend frei erzählen, dann deuten. Damit erhebt sich die Situation in die unabsehbare Höhe des Märchens, um adlergleich ins Irdische hinabzustoßen. Daniel beseitigt zunächst das Fabelhafte, Unmögliche, und gibt dann der Wirklichkeit in vertieftestem Sinne Raum. Und das sind seine programmatischen Worte: „Deine eigenen Gedanken stiegen, während du schliefest, an deinem Lager auf; ich will sie dir mit Gottes Beistand deuten, damit du deines eigenen Herzens Gedanken verstehst" Der Traum ist also geistiges Eigentum des Träumers, ein psychischer Komplex, der sich von der Seele soweit absonderte, daß er als Einheit bildhaft erscheinen kann. Träume deuten heißt dann nichts anderes als im Herzen des Träumers die Ursprungsstelle des Traumes suchen, ihn seines Selbsts bewußt zu machen. Wir kennen alle den großen Traum des Königs, der die Zukunft seines Reiches im Dunkel seiner hochkomplizierten Psyche vorahnte. Später träumt Nebukadnezar noch einmal. Wie in einem früheren Falle läßt die Bibel den Träumer sich selbst, symbolisiert, im Traum erblicken. Der König träumt sich als Baum, unter dem viele Geschöpfe Schutz und Nahrung finden. Da braust ein mächtiger Sturm vom Himmel, der den Baum fällt und nur den Wurzelstrunk, mit eisernen und kupfernen Banden am Erdboden gefesselt, übrig läßt Auch diesen Traum weiß Daniel richtig zu deuten. Nebukadnezar versinkt in Wahnsinn; er wird seines Selbsts entkleidet Auf dem Dache des Palastes wandelnd, blickt er in jäher Angst um sich und sucht, selbst wankend, in der Realität der Umwelt Stütze für seine zusammenbrechende Seele. Packender hat noch kein Buch in einem einzigen Satz den Zweifel am eigenen Ich ausgedrückt wie hier die Bibel, die den König entsetzt fragen läßt, ob denn das, was er da sähe, nicht das große Babel sei, das er, Nebukadnezar, in Macht und Ruhm erbaut habe. Wir können wohl annehmen, daß der Verlust der eigenen Persönlichkeit in der Selbstsymbolisierung des Träumers seinen prophetischen Ausdruck finden soll. Nebukadnezar fühlt im Traum sich bereits seines Ichs entkleidet; er erlebt einen Zustand, den wir zwar wissenschaftlich als krankhaftes Vorkommnis kennen, der uns jedoch persönlich ewig uneinfühlbar bleiben muß, da wir für uns selbst das Bewußtsein der Identität des eigenen Ichs als Basis jedes psychischen Aktes benötigen. Den Verlust des Ichs erleidet der König später sogar so weit, daß sein Wesen ins Tierische sich verkehrt Er nährt sich mit den Stieren von Gras und seine Nägel werden lang wie Vogelkrallen. 66