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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Ein Versuch analytischer Darstellung der Träume und der Träumer in den Büchern des Alten Testaments
Date
1927-04-01
Page
62 (sequence 6)
Language
German
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Berndt Götz: Ein Versuch analytischer Darstellung der Träume fängnishaft und damit auch deren psychische Wirkung gemeinsam war. Die seelische Schwingung verlief dementsprechend in gleicher Richtung. Wir brauchen ja nur an das alte, gute Lied von den drei Jägern zu denken, die den weißen Hirsch jagen wollten. Auch hier erzeugt die gemeinsame seelische Einstellung des Wunsches homologe Träume. Besonders beachtenswert erscheint die Tatsache, daß die Bibel zunächst den Mundschenk seinen Traum erzählen und dessen Deutung erfahren läßt Dann erst meldet der Bäcker, der der Traumdeutung beiwohnte, seine nächtliche Schau. Er hat nun Mut gefaßt, als er die günstige Prophezeiung vernommen. Unbedingt steht sein Bericht stark unter dem Eindruck des eben Gehörten und wirkt darum wie eine Nachprägung. Aber Josef verfolgt unbeirrt von der oberflächlichen Ähnlichkeit beider Träume seinen diagnostischen Weg und erweist sich damit würdig, auch Pharaos Träume später sinngemäß zu deuten. Der König träumt, daß sieben stattliche Kühe vom Nil heraufsteigen und weiden, bis sie von sieben mageren Rindern verschlungen werden. Da erwacht der Pharao, aber bald schlummert er wieder ein und träumt, daß sieben füllige Ähren aufsprießen, die von sieben tauben Ähren verschlungen werden. Als die Nacht weicht, schlägt das Herz des Königs. Er nimmt das Grauen der Nacht mit hinüber in den Tag, ein Beweis für die tiefe Erregung, die auch im Doppeltraum ihren Ausdruck findet Die Zeichendeuter erklären sich für unfähig, die Träume zu enträtseln. Da wird Josef, der vergessene hebräische Knecht, aus dem Gefängnis geholt, um seine Kunst zu zeigen. Pharao erzählt ihm seinen Traum und schildert besonders lebhaft, wie häßlich die mageren Kühe waren; solche habe er überhaupt in Ägypten noch gar nicht zu Gesicht bekommen. Und obwohl die Greueltiere die schönen Rinder aufgefressen hätten, blieben sie mager und scheußlich wie vorher. Höchst beachtenswert! An der Textstelle, da die Bibel als Epos, gleichsam objektiv berichtend, die Träume Pharaos erzählt, steht nichts von diesen Einzelheiten. Der Bibelredaktor legt die detaillierte Schilderung des Trauminhalts in den Mund Pharaos. Der erzählt seinen Traum so, wie er ihm des Morgens noch erinnerlich war. Daß diese Gegenüberstellung von objektivem Traum und subjektivem Traumbericht höchst absichtsvoll ist, liegt auf der Hand. Die Bibel weiß somit um die Tatsache, daß gerade bei lebhafter Affektbetonung eine Traumerzählung häufig oder stets Formen aimimmt, die dem wirklichen Traumgesicht recht unähnlich sein können. Pharao ergänzt seinen Traum, der obzwar schreckhaft, ihm doch noch nicht genügend anschaulich dünkt Als gedanklichen Inhalt 62

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