Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Ein Versuch analytischer Darstellung der Träume und der Träumer in den Büchern des Alten Testaments
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 61 (sequence 5)
- Language
- German
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und der Träumer in den Büchern des Alten Testaments zu haben, die Figuren lenkt Das beweist er auch im Gefängnis, als er dem Mundschenken den Traum von den drei Weintrauben deutet, die jener in den Becher Pharaos preßt Ihm gibt er frohe Botschaft von baldiger Wiedereinsetzung ins Amt; dem Bäcker jedoch, der durch die günstige Deutung ermutigt, seinen Traum erzählt, verheißt Josef, daß in drei Tagen, — das sind die drei Körbe mit Weißbrot — die gierigen Vögel seinen Leichnam am Galgen fressen werden. Wir haben hier die erste biblische Darstellung einer professionalen Traumdeutung vor uns. Bisher war es dem einzelnen überlassen, sich bei seinen Träumen so viel oder so wenig zu denken, wie er wollte. W'orin besteht nun das Wesen der Traumdeutung? Der Traum nimmt seinen Verlauf im Sinne der Gefühls- oder Wunscheinstellung der Seele, seinen Inhalt aus der Anschauungs- und Erfahrungswelt Aus beidem gestaltet er ein leichtes assoziatives Bauwerk, oft scheinbar sinnwidrig und ohne Abstützung, Grundlage und Sicherheit Der Kundige sieht die versteckten und verdeckten Strebepfeiler, die psychischen Strebungen, und erkennt den Sinn der Traumarchitektonik. Im beunruhigenden Widersinn des Traumes den Sinn entdecken, heißt Traumdeuten. Wie der Arzt gleiche oder ähnliche Symptome bei verschiedenen Kranken unterschiedlich bewertet und behandelt, sich ganz auf ihre Individualität einstellt, so deutet auch der wissenschaftliche Traumdeuter einen Traum nur im Hinblick auf die seelische Konstellation des Träumers, in die er sich ganz vertiefen muß. Daß Josef diese wissenschaftliche Methode anwendet, beweist er dadurch, daß er die beiden ganz ähnlichen Träume von den drei Weintrauben und den drei Körben in ganz verschiedener Weise auslegt In der Tat unterscheiden sich die beiden Träume erheblich voneinander. Der Mundschenk handelt nämlich im Traume selbst Er preßt die Trauben aus, während die Backware des Bäckers, d. h. er selbst, das Opfer anderer Mächte, der Vögel, wird. Das ist ein starker Hinweis auf die verschiedene Rolle, die das Traumgewissen den beiden Personen zuerteilt Wir werden von der Aktivität des einen auf ein unbewußtes, daher wahrscheinlich berechtigtes, Selbstgefühl schließen und die Passivität des Bäckers als Beweis seines Schuldbewußtseins und seines Unterlegenheitsgefühls bewerten, was Josefs Traumdeutung auch schonungslos darlegt Damit ist der psychologische Wert der Gefängnisträume aber keineswegs erschöpft Wenn der Bäcker und der Mundschenk in ein und derselben Nacht analoge Träume haben, so können wir es uns - dadurch erklären, daß beiden Gefangenen die äußere Situation der Ge- 61