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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 60

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Ein Versuch analytischer Darstellung der Träume und der Träumer in den Büchern des Alten Testaments
Date
1927-04-01
Page
60 (sequence 4)
Language
German
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Berndt Götz: Ein Versuch analytischer Darstellung der Träume zum lebhaftesten Unbehagen seiner Brüder bekannt gibt: Vor seiner Garbe neigen sich die Ährenbündel der Brüder. Ohne weiteres verleiht die Bibel diesen traumdeuterische Fähigkeit, und wenn auch die Symbolik nicht gerade schwierig ist, so bleibt doch unverkennbar, daß die Bibel Traum und Träumer in einen bestimmten seelischen Zusammenhang bringt Dem Träumer wird eine gewisse paterne Bürgepflicht für seinen Traum zugewiesen; er wird in seinem Urhebertum dafür verantwortlich gemacht Nur weil Josef vermessen ist, träumt er etwas Stolzes und Hoffärtiges, lautet das Urteil der Brüder und des Vaters, dem er seinen zweiten Traum von Sonne, Mond und Sternen, die sich vor ihm verneigen, erzählt Auch Jakob entziffert mühelos den Traum Josefs und verteilt die symbolischen Rollen mit unbedenklicher Sicherheit Beachtenswerter als die leicht-bequeme Traumdeutung ist hier die Tatsache der Parallelität zweier Psychismen. Josef träumt zwei fast ganz kongruente Träume; sicherlich haben wir hierin den Beweis für ein tiefes psychologisches Wissen des Bibelredaktors, der die Erfahrung besaß, daß besonders markante psychische Komplexe sich in einer Traumwiederholung oder, wie hier, in einer Parallel-Version kundtun. Verschiedene Traumfabeln geben Schale und Mantel für den gleichen psychischen Inhalt ab. Wer hat nicht schon geträumt, daß er durch einen engen Gang kriechen muß, bald darauf eine schwere Prüfung zu bestehen hat und plötzlich sich in eine fremde Stadt versetzt sieht! Allen drei Träumen gemeinsam ist das Gefühl der Unsicherheit am eigenen Können, was die Psyche in drei verschiedenen Traumbildern ausdrückt Als Beweis für das feine psychologische Verständnis der Bibel betrachten wir die Tatsache, daß die Brüder Josefs nicht nur keine rechte Liebe für ihn aufbringen, sondern aus ihm eigentlich überhaupt nichts zu machen wissen. Auch er selbst fühlt sich ihnen fremd, spielt den Angeber und braucht sich darum über den rauhen Streich, den sie ihm spielen, eigentlich nicht zu wundern. Derselbe ganz unbeliebte Josef wird der bevorzugte Günstling Potiphars und später Pharaos. Josef, der Träumer, muß entweder ganz mißfallen oder in vollstem Umfange gewürdigt werden; ein Mittelmaß gibt es bezüglich dieser ganz auf das Gedankliche eingestellten Persönlichkeit nicht Ihm ist alles Ahnen und tiefstes Schauen, die eigenen Träume, die Nachtgesichte anderer und später die genial-rücksichtslose Organisation der Verpflegung Ägyptens. Ihm ist die Gabe der psychischen Projektion, der Einfühlung in inneres und äußeres Geschehen verliehen; er ist der Blindspieler im psychologischen und politischen Schachspiel, der, ohne das Brett vor Augen 60

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