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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Ein Versuch analytischer Darstellung der Träume und der Träumer in den Büchern des Alten Testaments
Date
1927-04-01
Page
58 (sequence 2)
Language
German
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Berndt Götz: Ein Versuch analytischer Darstellung der Träume logische Möglichkeit dieses ersten Traumes Untersuchungen anzustellen, wäre überflüssig. Wir erfahren von der Traumfabel allzuwenig und können schon darum uns nicht vorstellen, in welcher visuellen Form Gott dem Abimelech erschien, ob als kanaanitisches Götzenbild oder als geistiger gestaltloser Gott Abrahams, welch letzteres doch unmöglich wäre. Ebenso müßig wäre eine Untersuchung darüber, daß Abimelech etwas träumte, was er auch im Unterbewußtsein weder wußte noch ahnte, noch wissen und ahnen konnte. Wir haben es eben mit einem frommen Mythos zu tun, der den biblischen Redaktor jeder wissenschaftlichen Verantwortung enthebt. Bedeutend vertiefter ist die Erzählung des zweiten biblischen Traumes. Laban verfolgt Jakob, der ihm Töchter und Habe entführt hat Während seiner Rast träumt der Arami, daß Gott ihm rät, mit Jakob weder Gutes noch Böses zu reden. Hier besteht bei aller Unübersichtlichkeit der Darstellung des Traumgeschehens doch psychologische Problematik. Die Hast der Verfolgung verdunkelte Labans klare Überlegung, wem seine Erbitterung eigentlich gälte. Die Stimme der Nacht gibt dem im Schlummer Beruhigten zu bedenken, ob eine Persönlichkeit wie Jakob mit Schimpfnamen wie Betrüger und Räuber wirklich treffend bezeichnet werden kann, und rät auf jeden Fall zur Vorsicht Die Bibel belehrt uns also darüber, daß die Motive des Tages oft irreführend sind und die UnWirklichkeit des Traumes vom wirklichen Wert der Dinge besser unterrichtet sein kann. Jedoch bedeutet auch dieser zweite Traum mehr einen dramatischen als seelenkundlichen Faktor. Ein glücklicher deus ex machina fällt er dem schwertbewaffneten Schicksal in den Arm und verschafft dem Bedrohten Aufschub und Frist Der psychologische Wert der beiden ersten biblischen Träume ist, wie bereits angedeutet, ihrer mangelnden Anschaulichkeit wegen gering. Da gibt der Name Jakob einen besseren Klang, der in seinem Lieblingssohne Josef voll weiter tönt In der Geschichte Jakobs erfahren wir zum erstenmal vom Wirken des optischen Vorstellungsvermögens im Schlaf und bewundern daran die Schönheit der biblischen Psychologie. Jakob, der Flüchtling, ruht auf dem Felde, das Haupt auf einen Stein gebettet Da schickt die aufgehende Sonne ihre frühen Strahlen, die das geschlossene Auge des Schläfers treffen. Der schwache, kaum merkliche Lichteindruck genügt, um vor dem inneren Blick des Heimatlosen das schönste Bild erstehen zu lassen, das der schutzbedürftige Mensch ersehnen kann. Von lichten Strahlen webt sich eine Leiter, an deren unermeßlich fernem Ende ein Alleuchtendes scheint, deren irdischer Stützpunkt zu Häupten des 58

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