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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 51

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften
Date
1927-04-01
Page
51 (sequence 7)
Language
German
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Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften Die antisemitische Bewegung war damals noch nicht so stark wie heute, hatte aber immerhin schon zum fast ausnahmslosen Ausschluß der Juden aus der Gesellschaft und zu mancherlei Beschimpfungen und Zusammenstößen geführt. Im Kriege wuchs der Antisemitismus und nach dem Kriege kam die Hochflut, der schließlich Rathenau zum Opfer gefallen ist Auch vor dem Kriege mußte er sich schon bewußt sein, daß er trotz aller seiner Leistungen und Bemühungen als Jude gehaßt wurde. „Daß ich als Privatmann und Jude dem Staat unaufgefordert einen Dienst geleistet habe, können beide beteiligten Gruppen mir nicht verzeihen und ich glaube nicht, daß zu meinen Lebzeiten diese Stellung sich ändert"1) Er wußte, daß man sagte: ..Wenn dieser Rathenau uns geholfen hat, so ist es eine Schande und ein Ärgernis."2) Gegen Ende des Krieges schreibt er an Frau von Hindenburg3): „Hätte ich aber die Neigung, auf politisches Gebiet mich zu begeben, so wissen Sie, verehrte gnädige Frau, daß alle äußeren Umstände dies verhindern würden. Wenn auch ich und meine Vorfahren nach besten Kräften unserem Land gedient haben, so bin ich, wie Ihnen bekannt sein dürfte, als Jude Bürger zweiter Klasse. Jch könnte nicht politischer Beamter werden, nicht einmal in Friedenszeiten Leutnant" Rathenau fühlte ebenso sehr wie eigene Zurücksetzungen den Schimpf, der anderen Juden angetan wird. „Ich selbst möchte nicht von einem Freunde wissen, daß er meine Eltern oder Geschwister verachtet" *) Rathenau sucht mehrmals sich den Antisemitismus zu erklären. Er glaubt einmal seine Ursache „in einer tiefen und alten Stammesabneigung" zu finden. „Auf christlich-deutscher Seite ist die Abneigung bis vor etwa zwei Jahrzehnten stark angewachsen, und zwar irn gleichen Maße wie die Zahl, der Reichtum, der Einfluß, die Konkurrenz, das Selbstbewußtsein und die Schaustellung der Juden fühlbarer wurden.":i) In einem Sendschreiben an einen preußischen Adligen erklärt er „die Judenpolitik ... als den letzten Ausdruck der gegen: Unzünftige gerichteten Interessenpolitik der beiden dominierenden Kasten".6) Also als Konkurrenzneid. Raihenau verlangt eine entschiedene Abwehr des Antisemitismus, die von Selbstbewußtsein getragen7) sein muß. Er wirft einmal den deutschen Juden vor8), „daß sie in ihrer Gesamtheit bisher so gut wie nichts unternommen haben, um den Staat zu einer Änderung seiner Judenpolitik zu bestimmen". n Briefe Nr. 200 vgl. auch 522. — 2) Briefe Nr. 208. — -) Briefe Nr. 321. — 4) Briefe Nr. 20S. — •') 1 S. 188 Krilik. — *) 1 S. 197 Kritik. — <) Brief; Nr. 368 und 393. -- iif;e£c 5J. ' . 51

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