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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 52

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften
Date
1927-04-01
Page
52 (sequence 8)
Language
German
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Emst Jacob An Warburg schreibt er1) — offenbar nach, der Judenzählung im Kriege —: „Es hat meines Erachtens heute keinen Zweck mehr, philan tropische Auseinandersetzungen zu machen in einer Frage, die seit Jahrzehnten nach allen Richtungen erörtert ist Es kommt darauf an, heute Tatsachen zu geben und diesen die kurze Erklärung beizufügen, daß angesichts politischer Notwendigkeit und angesichts der Beteiligung der Juden am Kriege mit den Mißständen ein Ende gemacht werden muß. Alles, was nach Bitten und Dialektik aussieht, scheint mir nicht mehr angängig." Rathenau hat es merkwürdigerweise abgelehnt, obwohl man ihn verschiedentlich dazu aufforderte, dem Abwehrverein der deutschen Juden, dem Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens beizutreten.2) Seine Gründe hierfür sind nicht ganz verständlich. Er schreibt: „Wir stimmen in allen wesentlichen Voraussetzungen überein und es liegt mir, ebenso wie Ihnen, die Hebung der Rechte und des gesellschaftlichen Standes der Deutschen mosaischen Glaubens am Herzen." Er müsse ■aber zu seinem Bedauern auf ein Zusammenarbeiten verzichten, „solange der C.-V. sich mit orthodoxen und rituellen Forderungen identifiziert". Rathenau selber hat öfters Anlaß genommen, antisemitische Vorwürfe zu widerlegen. Vor allem natürlich das Mißverständnis und die Verdrehung einiger Sätze, die er einmal verfaßt hatte. Wenn er von den 3oo Männern geschrieben hatte, die die Welt regieren, so hatten die Antisemiten daraus Juden gemacht.3) Aus einer Äußerung über den Sinn des Krieges war herausgelesen worden, daß dieser Mann, der mit Einsatz aller seiner Kräfte für den Sieg Deutschlands gearbeitet hatte, die Niederlage seines Vaterlandes gewünscht habe.*) Rathenau beschäftigte sich mit verschiedenen Schlagworten des Antisemitismus: Von der Minderwertigkeit der Juden5), ihrem Materialismus6), der talmudischen Geschäftsmoral7), mangelndem Patriotismus8), der angeblichen jüdischen Internationale.9) Ihm steht fest, „kein Volk sollte sich als das auserwählte betrachten.10) In jedem Volke gibt es Heilige, Indifferente, Schwache und Verbrecher: die Mischung ist überall sehr ähnlich, und ich sehe nicht, daß der Krieg sie irgendwo verbessert hat Schwächen kann man an jedem Staat und Volk finden; ich glaube, man sollte sie zu verstehen und zu heilen suchen, nicht sie zum Vorwurf machen." n) Rathenau fühlt sich daher auch nicht gei) Briefe Nr. 216. — *) C.-V .-Zeitung 1923 S. 218. — 3) Briefe Nr. 746 und 267. — *) Siehe Erklärung in der C.-V .-Zeitung 1922 S. 25. — 5) I S. 193 Kritik. — Briefe Nr. 414. — 7) Briefe Nr. 757. — 8) I S. 202 ff. Kritik. — 9) Ebenda. — 10) Vgl. auch Briefe Nr. 163- — Briefe Nr. 415. 52

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